Der Film der Woche

Spirit in the Blood

07.11.2024

Mit ihrem Debütfilm SPIRIT IN THE BLOOD gelingt es der Autorin und Regisseurin Carly May Borgstrom, dem Genre des Coming-of-Age-Films frischen Wind zu verleihen. Warum wir mehr von solchen Filmen brauchen…

Emerson (Summer H. Howell) ist mit ihren Eltern gerade erst in eine abgelegene, tiefreligiöse Gemeinde in den Wäldern Kanadas gezogen. Nur schwer findet die Fünfzehnjährige Anschluss. Als kurz darauf ein junges Mädchen tot aufgefunden wurde, macht die Geschichte eines Raubtieres die Runde. Emerson ist jedoch davon überzeugt, gerade erst selbst von einem Monster verfolgt worden zu sein. Während ihre Mitschüler sie auslachen, öffnet sie sich langsam der selbstbewussten Delilah (Sarah-Maxine Racicot), die ebenfalls als Außenseiterin gilt. Gemeinsam wollen sich die beiden Mädchen der Kreatur stellen. Durch ein selbst erdachtes Ritual versuchen die beiden Teenager, ihre eigenen dunklen Kräfte zu entfesseln. Es dauert nicht lange, bis sich ihnen weitere Mädchen anschließen und das Ganze mehr und mehr außer Kontrolle gerät…

Einer der ersten Filme, die ich als Teenager im Kino gesehen habe und an den ich mich bewusst erinnere, ist „Stand By Me“ (1987). Ich muss etwa 14/15 Jahre alt gewesen sein und habe den Film seitdem nie wieder gesehen. Bei der Sichtung von SPIRIT IN THE BLOOD geschah dann das Unglaubliche: Ich habe mich intensiv an das Gefühl erinnert, was ich seinerzeit bei „Stand By Me“ empfand – 37 Jahre später. Allein deshalb hat mich der Debütfilm von Carly May Borgstrom komplett abgeholt.

Mit SPIRIT IN THE BLOOD schlägt Borgstrom, die nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, einen äußerst interessanten Weg ein. Zu oft ist in Filmen eine Frau in Angst gleich einer Frau, die beschützt werden muss. Dieses völlig überholte Klischee umschifft Borgstrom elegant, indem sie ihren Hauptfiguren erlaubt, sich ihre Ängsten zu stellen und so zu Heldinnen ihrer eigenen Geschichte zu werden. Ein Umstand, den wir in letzter Zeit zum Glück immer häufiger sehen – den sich aber durchaus noch viel mehr Regisseur:innen zu Herzen nehmen könnten.

In SPIRIT IN THE BLOOD verzichtet Borgstrom zudem drauf, uns Zuschauern die Geschichte auf einem Silbertablett zu präsentieren. Stattdessen lässt sie einige Aspekte der Erzählung bewusst im Unklaren und lässt uns so mitdenken. Und ich persönlich liebe es, wenn Filmemacher:innen ihrem Publikum vertrauen.

Der Film enthält auch ein paar autobiographische Aspekte Borgstroms, wie sie mir im Interview beim Filmfest Hamburg verraten hat (s.u.). Dort feierte SPIRIT IN THE BLOOD Anfang Oktober eine umjubelte Weltpremiere. Als Kind ist Borgstrom einmal selbst nur knapp einer Entführung entgangen, was zu einem seltsamen Erlebnis während der anschließenden Befragung durch die Polizei führte. Genaueres erläutert sie im nachfolgenden Interview selbst.

Geschrieben und entwickelt hat Borgstrom, die seit ihrem Abschluss an der HfBK in Hamburg lebt und arbeitet, den Film während der Pandemie, die Dreharbeiten fanden gegen Ende der Corona-Zeit in der kanadischen Provinz Ontario statt. Vor knapp 30 Jahren bin ich selbst dort gewesen und noch heute bin ich von der schier endlosen Weite des Landes beeindruckt. Ich kann daher sehr gut verstehen, warum SPIRIT IN THE BLOOD genau dort spielt, denn diese Weite kann besonders bei jungen Heranwachsenden das Gefühl verstärken, sich allein zu fühlen.

Gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Zamarin Wahdat hat Borgstrom zudem wunderschöne Motive eingefangen und einen eindrucksvollen Stil gefunden, um ihre Geschichte zum Thema „Mensch gegen Natur“ zu erzählen. Die ungezähmte Natur Kanadas entwerfen Borgstrom und Wahdat als Gegenentwurf zur fiktionalen Kleinstadt St. Belvedere, die den Menschen – und in diesem Fall den Mädchen – zwar Schutz gewährt, jedoch nur solange sie sich an dessen restriktive Vorschriften halten. Denn erst die Wildnis um sie herum gibt den Teenagern die Möglichkeit, ungeahnte Kräfte freizusetzen.

Mit SPIRIT IN THE BLOOD ist Carly May Borgstrom ein eindrucksvoller Film gelungen, der bewusst mit alten Klischees aufräumt, sowie altbekannt Pfade verlässt und damit das Coming-of-Age-Genre gekonnt modernisiert. Von genau solchen Filmen brauchen wir noch viel mehr! Chapeau!

Interview

Beim Filmfest Hamburg hatte ich die Gelegenheit, mich mit der Drehbuchautorin und Regisseurin Carly May Borgstrom über ihren Film SPIRIT IN THE BLOOD zu unterhalten. Wir sprachen über den Casting-Prozess, die Förderung aus Hamburg und Kanada, die Bildsprache, die sie gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Zamarin Wahdat gefunden hat und vieles mehr.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Spirit in the Blood (Deutschland / Kanada 2024)

Länge

98 Minuten

Genre

Thriller

Regie

Carly May Borgstrom

Drehbuch

Carly May Borgstrom

Darsteller

Summer H. Howell, Sarah-Maxine Racicot, Michael Wittenborn, Greg Bryk, Ariadne Deibert, Sarah Abbott, Lyla Elliot, Michelle Monteith

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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