Mit dieser düsteren Chronik aus dem 17. Jahrhundert – ganz in nüchternem Schwarzweiß gehalten – har der österreichische Regisseur Markus Schleinzer die ganze Filmwelt bei der diesjährigen Berlinale überrascht. Und Sandra Hüller erhielt völlig zu Recht für ihre Titelrolle als ROSE den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin – in der Gestalt eines vermeintlichen Mannes.
Mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges taucht ein mysteriöser Soldat in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf im Harz auf. (An einer Stelle fällt der Name „Sieber“; den Ort gibt es noch heute.). Der Fremde – schweigsam, schmächtig und mit einer unübersehbaren Narbe im Gesicht – stellt sich als ehemaliger Soldat namens Rose (Sandra Hüller) vor, der den Krieg nur knapp überlebt hat. Er behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs im Dorf zu sein und legt ein Dokument vor, das seinen Anspruch bestätigt. Erst nach langem Rechtsstreit akzeptieren die Dorfältesten den Fremdling, und er darf mit einem Knecht und einer Magd, die er angeheuert har, mit viel Mühe den Hof instandsetzen.
Doch Rose hütet ein dunkles Geheimnis: Unter seiner Kleidung steckt eine Frau – und das Dokument ist geklaut. Historische Schriften beweisen: Im 30-jährigen Krieg war es keine Seltenheit, dass sich Frauen beim Kampf ums nackte Überleben in Männerkleidung steckten und ins Feld zogen. Rose hatte kurzerhand einem toten Kameraden die Papiere entwendet und dessen Identität angenommen.
Wie kann Rose verhindern, dass sein/ihr Schwindel auffliegt? Für den Bau einer neuen Wasserleitung benötigt Rose die Erlaubnis des Großbauern (Godehard Giese). Der verlangt eine Gegenleistung: Rose soll seine Tochter Suzanna (Caro Braun) heiraten. Nach einigem Zögern willigt Rose ein – und die Hochzeit wird prunkvoll in der Dorfkirche gefeiert. Aber das Brautpaar verbringt die erste Nacht in getrennten Betten. Als der Großbauer erfährt, dass sein Schwiegersohn sich nicht um die ehelichen Pflichten schert, nimmt er ihn sich zur Brust. Notgedrungen schnallt sich Rose einen aus Holz geschnitzten Dildo um und besteigt seine Frau. Was für eine drastische Szene! Den Dildo hatte Rose noch aus Kriegszeiten im Gepäck. Doch dann wird Suzanna tatsächlich schwanger. Nanu?
Als Rose, der inzwischen auch eine kleine Imkerei betreibt, bei der Arbeit von mehreren Bienen gestochen wird, erleidet er einen anaphylaktischen Schock und fällt in Ohnmacht. Als Suzanna und die Magd ihm zu Hilfe eilen, entdecken sie sein Geheimnis – halten aber dicht. Zunächst – aber die Gerüchteküche brodelt. Und es kommt der Tag, an dem Rose und Susanna verhaftet und eingekerkert werden…
In seiner düsteren, schmucklosen Archaik erinnert mich ROSE an den Film „Tag der Rache“ (1943), einem der vielen Meisterwerke des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer. Auch jener Film, ganz in kaltem Schwarzweiß gehalten, spielt im 17. Jahrhundert. Und die Prozessszenen, mit denen ROSE endet, stehen natürlich in Verbindung mit einem anderen Dreyer-Meisterwerk: „Die Passion der Jeanne d’Arc“ (1928).
Ich sehe ROSE auch als eine Art Passion – als den Leidensweg einer geschundenen Frau, die sich gegen die Gesetze stellte und sich ihr eigenes Recht suchte. Keine Heilige, sondern eine berechnende Betrügerin. Sandra Hüller spielt diese trotzige, zornige Frau mit wortkarger, stoischer Ruhe und innerer Würde. Ein grandioser Auftritt!
Am Ende warten Regisseur Markus Schleinzer und sein Co-Drehbuchautor Alexander Brom noch mit einer extrem fiesen und sehr zynischen Szenenfolge auf, die kaum zu ertragen ist…
P. S. Suzannas Schwangerschaft wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt – vermutlich war es der eigene Vater.
(Österreich / Deutschland 2026)
94 Minuten
Drama / Historie
Markus Schleinzer
Markus Schleinzer, Alexander Brom
Gerald Kerkletz
Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Maria Dragus, Annalisa Hohl, Robert Gwisdek, Augustino Renken, Maurice Leonhard, Anni Molke, Emma Bahlmann, Bastian Trost, Sven-Eric Bechtolf, Rainer Egger, Martine Schambach, Anne Klein, Marius Huth
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