Postkolonialismus, offen ausgetragener und unterschwelliger Rassismus, griechische Mythologie, Dreharbeiten eines fiktiven Films quasi als „Film im Film“ und Reflexionen über das heutige Kino – all das packt der deutsche Regisseur Ulrich Köhler in sein neues Werk GAVAGAI. Kann das gut gehen? Köhler selbst stellte seinen Film gemeinsam mit seinen beiden Hauptdarstellern Maren Eggert und Jean-Christophe Folly beim letztjährigen Filmfest Hamburg dem Publikum vor. Die Reaktion war überwältigend. Offenbar sind die Zuschauer immer noch bereit für komplexe, schwierige Filme. Das macht mir Mut.
Den ungewöhnlichen Filmtitel erklärt der Regisseur selbst: „Der Titel ist eine Hommage an mein nie vollendetes Philosophiestudium: Quine, der Sprachphilosoph, erfindet in einem berühmten Gedankenspiel einen Ethnologen, der im Urwald auf einen Fremden trifft, der auf einen Hasen zeigt und „Gavagai!“ ruft. Hase? Mittagessen? Lange Ohren? Heilig? Quine benutzt das Beispiel, um zu erklären, wie radikal unbestimmt jede Übersetzung ist: Wir wissen nie sicher, was jemand mit einem Wort meint. Je weniger Kontext wir haben, je weniger wir einander kennen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir einander missverstehen. Kommunikation ist permanentes Missverständnis. Und genau daraus entstehen Komik und Drama.“
An der Atlantikküste des Senegal dreht die französische Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) eine moderne, sehr eigenwillige Version des antiken Dramas „Medea“ (431 v. Chr. von Euripides auf der Basis der Argonautensage verfasst). Wer in der Schule aufgepasst hat, weiß: Am Ende bringt die Königstochter Medea aus Verzweiflung ihre beiden Söhne um.
Caroline nutzt bei ihrer Adaption fast ausschließlich einen einheimischen Cast – mit nur zwei Ausnahmen: Medea wird von der Deutschen Maja (Maren Eggert) gespielt, Medeas Ehemann Jason von dem senegalsiech-stämmigen (farbigen) Franzosen Nourou (Jean-Christophe Folly). Während des Drehs beginnt die verheiratete Maja eine heimliche Affäre mit Nourou, und Caroline führt sich bei den aufreibenden Dreharbeiten wir eine selbstherrliche Kolonialherrin auf. Das geht so weit, dass sie den Komparsen den Zutritt zum Filmset-Catering verweigert. Da muss erst Maja eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern.
Die Premiere des Films findet während der Berlinale statt, zu der auch Nourou aus Paris anreist. Er frischt seine Affäre mit Maja auf, muss aber erleben, wie er in seinem Hotel als einziger des Teams von einem Security-Mann nach seinem Ausweis gefragt wird, was er völlig zu Recht als Rassismus anprangert. Aber wir wissen, dass sich Nourou im Senegal als arrogantes Arschloch gegenüber den Einheimischen aufgeführt hatte. Das ist das Besondere an GAVAGAI: Alle drei Hauptcharaktere sind sehr ambivalent gezeichnet – auch Maja hat ihre dunklen Seiten.
Auf der Pressekonferenz liegen dann die Nerven blank. In dieser Schlüsselszene, die Köhler fast als Parodie des Film-Business inszeniert, reflektiert der Regisseur auf einer Metaebene seine eigene Position im System. Gegen Ende von GAVAGAI verzahnt Ulrich Köhler das Drama in Berlin mit der Medea-Tragödie immer enger – fast wie eine Parallelmontage, wie wir sie von David Wark Griffith her kennen.
Viele von uns erinnern sich gern an Pasolinis „Medea“ mit (der nicht singenden) Maria Callas in der Titelrolle. Ulrich Köhler hat sich für das Ende seiner Version einen besonders dramatischen Schlenker erlaubt…
GAVAGAI lässt viele Fragen offen. Und das ist auch gut so!
Gavagai (Frankreich / Deutschland 2025)
91 Minuten
Drama
Ulrich Köhler
Ulrich Köhler
Patrick Orth
Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Diakhere Thiandoum
Port au Prince Pictures GmbH