Das grenzt an Größenwahn: Der chinesische Regisseur Bi Gan will in seinem dritten Film RESURRECTION nichts Geringeres, als die komplette Filmgeschichte von 1895 bis heute neu erzählen – und das in 159 Minuten. Der Film (dt. „Auferstehung“) ist eine magische Reise durch Zeit und Raum – eine visuelle Achterbahnfahrt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Dieses sinnliche Wunderwerk wurde in Cannes mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet.
„A Dream Within a Dream“, Edgar Allan Poes berühmtes Gedicht, wird in „Alpha“ von Julia Ducournau, einem der Meisterwerke dieses Jahres, direkt zitiert, hier schwingt es im Hintergrund unausgesprochen mit. Aber auch Ovids „Metamorphosen“ sind deutlich spürbar – in RESURRECTION ist alles Verwandlung, in einer Traumwelt voller Rätsel.
Wer versucht, die Handlung einigermaßen in den Griff zu bekommen, steht auf verlorenem Posten. Eines wird jedoch klar: In einer fernen Dystopie hat die Menschheit ewiges Leben erlangt, musste dafür aber das Träumen aufgeben. Wer sich weigert, wird zum sterblichen Monster, einem sogenannten „Fantasmer“. Diese Wesen können sich ständig verwandeln, indem sie sich in Filme aus der Vergangenheit „beamen“, die von Bi Gan stilsicher neu inszeniert werden. So sehen wir das Monster als Mann mittleren Alters, wie er mit einem Schlauch eine Wiese bewässert, bis hinter ihm eine junge Frau heimlich auf den Schlauch tritt, sodass der Wasserstrahl versiegt. Der Mann schaut sich das Malheur näher an, die Frau tritt zurück – und der Strahl landet im Gesicht des Mannes. Genau das ist die Story des ersten „Spielfilms“ der Geschichte: „L’Arroseur arrosé“ („Der begossene Gärtner“) von Auguste und Louis Lumière, gezeigt bei der ersten öffentlichen Präsentation ihres Cinématographe am 28. Dezember 1895.
RESURRECTION beginnt als Stummfilm im Stil von „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Inmitten düsterer, künstlicher Kulissen rettet eine Fotografin (Shu Qi) das sterbenskranke Monster, das Nosferatu doch sehr ähnelt, aus einer Opiumhöhle. Auf der Suche nach Heilung öffnet sie den Körper des Fantasmers und findet anstelle des Herzens einen Kinoprojektor. Sie legt einen ersten Film ein – und wir sehen, wie das Leben des Monsters an ihm (und uns) vorbeizieht. Das Leben, ein Traum.
Wir erleben das Monster als jungen Mann (Jackson Yee) im Gangstermilieu, gedreht als Film noir à la Hawks und Neo-Noir à la Melville. Ein Musiker mit durchstochenem Trommelfell und ein Theremin spielen wichtige Rollen. Im folgenden Traum ist der Fantasmer ein ehemaliger Mönch auf der Suche nach Erleuchtung. Hier kommt Buddha ins Spiel, für Bi Gan, der gemeinsam mit Zhai Xiaohui auch das Drehbuch schrieb, der wichtigste Bezugspunkt in RESURRECTION. Im Buddhismus unterscheidet man sechs Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren und Denken. In dieser Episode fühlte ich mich an Kurosawa und Tarkowski erinnert.
Im nächsten Traum, der als grellbunte Krimikomödie inszeniert ist, ist das Monster ein Betrüger, der mit einem jungen Mädchen einen Gangsterboss reinlegt, indem er behauptet, das Mädchen könne mit verbundenen Augen eine Spielkarte „erriechen“. Vielleicht dachte der Regisseur hier an Almodóvar?
Zum krönenden Abschluss erleben wir in einer atemberaubenden Plansequenz die Silvesternacht im Jahr 1999, als jeder glaubte, die Welt gehe unter. 35 Minuten lang streift die Kamera durch das in knallrotes Licht getauchte Nachtleben einer Hafenstadt. Der Fantasmer verliebt sich als junger Gangster (Jackson Yee), der noch nie eine Frau geküsst hat, in einen weiblichen Vampir (Li Gengxi). Sie treffen sich in der „Sunrise Bar“ (!) und fahren am nächsten Morgen auf einem geklauten Schiff in den Sonnenaufgang. Jetzt darf die Frau ihn beißen – und er sie küssen.
Mit diesem sensationellen Melodram schließt sich der Kreis – von Murnau bis Wong Kar-Wai. Der war in „2046“ (2004) auch schon durch Zeit und Raum gereist. RESURRECTION beginnt und endet im Kino. Der Schluss kann symbolischer nicht sein: Das Kino schmilzt!
Warum ich RESURRECTION nicht zum 5-Sterne-Meisterwerk mache, hat nur einen Grund: Ich mag Bi Gans selbstherrliche, arrogante Art nicht. Ich hatte das Gefühl, in jeder Sekunde dieses eklektischen Meilensteins immer nur den einen Satz zu hören: „Ich bin der Größte!“
Kuang ye shi dai (Frankreich / USA / China 2025)
159 Minuten
Drama / Krimi / Science-Fiction
Bi Gan
Bi Gan
Dong Jingsong
Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, Li Gengxi, Huang Jue, Chen Yongzhong, Guo Mucheng, Zhang Zhijian, Chloe Maayan, Yan Nan
Plaion Pictures GmbH