Mit DAS SOMMERBUCH bringt Charlie McDowell einen vielfach geschätzten Roman von Tove Jansson auf die Leinwand. Der Film setzt dabei weniger auf klassische Dramaturgie als auf Stimmungen, Zwischentöne und die leise Beobachtung von Menschen im Angesicht von Verlust und Vergänglichkeit.
Wie in jedem Jahr verbringt die neunjährige Sophia (Emily Matthews) den Sommer mit ihrem Vater (Anders Danielsen Lie) und ihrer Großmutter (Glenn Close) im Sommerhaus der Familie auf einer winzigen, unberührten Schäreninsel im Finnischen Meerbusen. Sie erkunden die Insel, sprechen über das Leben, die Natur und alles andere – nur ein Thema kommt nicht zur Sprache: der Tod von Sophias Mutter. Und auch das Leben der Großmutter bewegt sich immer mehr auf sein Ende hin. Erst ein Sommersturm setzt die Dinge in Gang, die nötig sind, um den Schmerz des Verlusts verarbeiten zu können…
Tove Jansson (1914–2001) war eine finnlandschwedische Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin. Internationale Bekanntheit erlangte sie mit den Mumins, einer Buchreihe, die zu einem weltweiten Klassiker der Kinderliteratur wurde und bis heute Generationen prägt. Parallel verfasste Jansson aber auch literarische Werke für Erwachsene. DAS SOMMERBUCH zählt dabei zu den bekanntesten Werken, die Regisseur Charlie McDowell nun für die große Leinwand umgesetzt hat.
Aber ist es überhaupt möglich, ein Buch, das keine wirkliche Handlung erzählt, sondern lediglich aus kleinen, nur lose verbundenen Vignetten besteht, für das Kino zu adaptieren? Das Besondere an Tove Janssons Buch ist die klare, poetische, fast schon minimalistische Sprache, die dem Leser eine Vorstellung von einem einsamen Leben auf einer abgelegenen Schäreninsel gibt. McDowell ist dieser Reduziertheit treu geblieben, gibt dem Zuschauer damit aber zu wenig Orientierung, um ihn im Laufe der 95 Minuten nicht zu verlieren.
Wer also einen Film mit einer typischen Handlung erwartet, dürfte bitter enttäuscht werden. Zwar zeigt Glenn Close eindrucksvoll, warum sie schon seit Jahrzehnten zu den besten Schauspielerinnen gehört, doch auch sie kann über das Fehlen einer klaren Handlung nicht hinwegtäuschen. Und so mäandert der Film vor sich hin, als ob er kein wirkliches Ziel hätte. Wer damit kein Problem hat, dürfte den Film vermutlich mit Begeisterung aufnehmen. Mir jedenfalls fehlte der Zugang zur Geschichte.
DAS SOMMERBUCH ist ein ruhiger, fein beobachteter Film, der ganz auf Atmosphäre und innere Bewegung setzt. Wer sich auf diese stille Form des Erzählens einlassen kann, wird darin viel entdecken; wer dagegen eine klar geführte Handlung erwartet, dürfte eher auf Distanz bleiben.
The Summerbook (Finnland / USA / Großbritannien 2024)
95 Minuten
Familien / Tragikomödie
Charlie McDowell
Robert Jones, nach dem Roman von Tove Jansson
Sturla Brandth Grøvlen, DFF
Emily Matthews, Glenn Close, Anders Danielsen Lie, Ingvar Sigurdsson, Pekka Strang, Sophia Heikkilä, Theo Zilliacus
Film Kino Text – Jürgen Lütz eK