Mit LA GRAZIA kehrt der italienische Autor und Regisseur Paolo Sorrentino zu alter Stärke zurück und zeigt uns einen ernsthaften, verantwortungsvollen und dennoch zweifelnden Präsidenten in den letzten Monaten seiner Amtszeit.
Seit vielen Jahren ist der studierte Rechtswissenschaftler Mariano de Santis (Toni Servillo) bereits als italienischer Präsident im Amt. Über diesen Zeitraum hat er sich den Respekt des italienischen Volkes erarbeitet und war stets darauf bedacht, in jedem Moment stets das Richtige zu tun. Jetzt, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, gibt es nur noch wenig zu tun, bevor er die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger übergibt.
Zuallererst wären da zwei Gnadengesuche, über die er zu entscheiden hat. Zum einen wäre da ein Professor, der seine an Alzheimer erkrankte Frau erdrosselt hat, und zum anderen eine Frau, die ihren Mann im Schlaf erstochen hat, nachdem sie mehr als anderthalb Dekaden seine Folter ertragen hat. Doch rechtfertigen die Umstände einen solchen Mord? Gibt es überhaupt ein richtig oder falsch in Bezug auf diese Entscheidung?
Parallel dazu drängt ihn seine Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) dazu, ein von ihr ausgearbeitetes Gesetz zu unterschreiben, das die Sterbehilfe legalisieren würde. Selbstverständlich fühlt er sich ihr gegenüber eine väterliche Verpflichtung, auf der anderen Seite würde das natürlich seinem Image als strenggläubigen Katholiken widersprechen und seine Freundschaft zum Papst gefährden.
Doch nicht nur diese Entscheidungen quälen de Santis – auch über den Tod seiner Frau ist er nie wirklich hinweggekommen und stellt sich immer wieder die Frage, warum sie vor über 40 Jahren mit einem Unbekannten fremdgegangen ist und er bis heute die Einzelheiten nicht kennt. Während sich die Tage der Präsidentschaft langsam aber sicher dem Ende nähern, muss de Santis in diesen Angelegenheiten auch seine Familie und die engsten Vertrauten um Rat fragen. Doch wird er eine Antwort auf die allumfassende Frage bekommen, wem unsere Tage eigentlich gehören?
In letzter Zeit konnte der italienische Drehbuchautor und Regisseur Paolo Sorrentino mit seinen Filmen nur begrenzt überzeugen. So ging sein letztes Werk „Parthenope“ 2014 gnadenlos unter, weil er darin wagte, sich über mehr als zwei Stunden nahezu ausschließlich an seiner jungen Hauptdarstellerin zu ergötzen, als auch nur ansatzweise eine Handlung zu erzählen. Einige Zuschauer (wie auch mein Kollege André Itjes) konnten sich zwar dafür begeistern, die Mehrheit jedoch sah darin einen Film, den man so in der heutigen Zeit einfach nicht mehr bringen kann.
Seine Weltpremiere feierte LA GRAZIA im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig, danach war er u.a. beim Filmfest Hamburg zu sehen. Für mich war es tatsächlich das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich nicht nur überhaupt etwas mit einem Sorrentino-Film anfangen konnte, sondern mich LA GRAZIA komplett überzeugt und abgeholt hat.
Sorrentino erzählt die Geschichte dieses fiktiven italienischen Präsidenten mit einer solchen in der Ruhe liegenden Wucht, dass man gar nicht anders kann, als dieser Figur beinahe widerspruchslos zu folgen. Auch hier kommen Sorrentino und seine Kamerafrau Daria D‘Antonio, mit der er zusammen bereits etliche Filme gedreht hat, mit eindrucksvollen Bildkompositionen daher, die man jederzeit als Gemälde an die Wand hängen könnte. Lange Gänge, große Räume und ein darin perfekt platzierter Toni Servillo lassen uns Zuschauer immer wieder staunend zurück.
Ob „Die Hand Gottes“ (2021), „La Grande Belezza – Die große Schönheit“ (2013), „Il Divo – Der Göttliche“ (2008) oder „Die Folgen der Liebe“ (2004), immer wieder greift Paolo Sorrentino auf seinen Hauptdarsteller Toni Servillo zurück. Doch LA GRAZIA hebt diese Partnerschaft noch einmal auf ein ganz neues Level. Servillo trägt den Film mit Bravour und zeigt uns mit jeder Regung und jeder Mimik, was sich vermutlich hinter seinem Gesicht gerade abspielt. Das ist wirklich ganz großes Schauspielkino.
Ein besonderes Augenmerk hat Sorrentino zudem auf die Musik gelegt. Während andere Regisseure vermutlich ausschließlich auf eine orchestrale Mammutbeschallung gesetzt hätten, konterkariert Sorrentino diese mit italienischem Hip-Hop. Das ist auch inhaltlich begründet, schließlich hat der Präsident hier im Laufe der Jahre eine Affinität zu dieser Musikrichtung entwickelt. Gleichzeitig lässt es die Figur in einem gänzlich anderen Licht erscheinen, was dazu führt, dass wir hier auch der Privatperson de Santis näher kommen.
Aber auch Techno kommt in LA GRAZIA zum Einsatz. So zieht sich beispielsweise das Stück „Surf Rider“ von Il Est Vilaine durch den gesamten Film und kommt immer dann zum Einsatz, wenn der Film die Orientierungslosigkeit seines Protagonisten zum Ausdruck bringen möchte. Im direkten Kontrast zu den staatstragenden Bilder gelingt das besonders gut.
LA GRAZIA ist einer dieser Filme, der auf mehreren Ebenen überzeugt, aber eben auch überrascht. Kaum zu glauben, aber keine der 133 Minuten Laufzeit fühlt sich auch nur ansatzweise zu viel an. Davor ziehe ich beeindruckt meinen Hut.
La Grazia (Italien 2025)
133 Minuten
Drama
Paolo Sorrentino
Paolo Sorrentino
Daria D'Antonio
Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello, Milvia Marigliano, Giuseppe Gaiani, Giovanna Guida, Alessia Giuliani, Roberto Zibetti, Vasco Mirandola, Linda Messerklinger, Rufin Doh Zeyenouin
MUBI