Der französische Autorenfilmer François Ozon („Wenn der Herbst naht“) wagt sich mit DER FREMDE (nach dem Roman von Albert Camus) an die Verfilmung eines der Hauptwerke der Philosophie des Existentialismus und Absurdismus. Die Hauptfigur Meursault war bereits lange vor James Dean in „Rebel Without a Cause“ ein legendärer Antiheld.
François Ozon hat bisher weniger bekannte oder anerkannte Literatur für das Kino adaptiert als das 1942 veröffentlichte Werk DER FREMDE des französischen Schriftstellers, Philosophen und Religionskritikers Albert Camus. Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beginnt mit den Worten: „Heute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“ Bei der Beerdigung seiner Mutter zeigt Meursault keinerlei Emotionen. So viel Gefühlskälte macht sprachlos.
Meursault (Benjamin Voisin) lebt als Müßiggänger im Algier des Jahres 1938 in den Tag hinein. Eine Karriere in Paris interessiert den Büroangestellten nicht, auch wenn sein Chef ihm diese ermöglichen würde. Beim Schwimmen trifft er die ehemalige Arbeitskollegin Marie Cardona (Rebecca Marder) wieder – und beginnt eine Affäre mit ihr. Doch Liebe ist es seinerseits nicht! Er nimmt zwar die Details seiner Umgebung wahr, ist aber eher ein analytischer Betrachter als dass er am Leben wirklich selber empathisch teilnimmt. Routine im Alltag muss sein, Gewalt und Ungerechtigkeit nimmt er ungerührt hin.
Anders als der italienische Großmeister Luchino Visconti im Jahre 1967, der seine Stars Marcello Mastroianni und Anna Karina in satten Farbgemälden zeigte, verwendet der französische Filmemacher François Ozon in DER FREMDE ein kontrastreiches Schwarz-Weiß (Kamera: der Belgier Manuel Dacosse), das für mehr Werktreue sorgt und uns direkt ins Algerien der 1930er-Jahre versetzt (gedreht wurde allerdings wegen der angespannten Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich in Tanger, einer Hafenstadt im Norden Marokkos).
Sein Nachbar, der zwielichtige Raymond Sintès (Pierre Lottin), freundet sich mit „dem Fremden“ an. Raymond bedrängt und demütigt eine arabische Frau. Meursault steht ihm mit einer Falschaussage vor der Polizei bei. Später begegnen die beiden dem Bruder der Frau und dessen Freunden am Strand, es kommt zu einer Schlägerei. Kurz danach trifft Meursault einen der Araber wieder, der bei seinem Anblick ein Messer zieht. Vom Glanz der Sonne auf der Messerklinge geblendet, umklammert Meursault in seiner Jackentasche einen von Raymond ausgeliehenen Revolver, zückt die Waffe und tötet den Araber mit einem Schuss. Ohne besonderen Grund gibt er unmittelbar darauf vier weitere Schüsse auf den Leichnam ab, was vor Gericht zur Verurteilung als Mörder führt.
Der Prozess und die Zeit in der Todeszelle wirken fast kafkaesk. Als der Gefängnisgeistliche für ihn beten will, wird der Nihilist Meursault wütend, doch zum Schluss zeigt er sich empfänglich „für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“. Hier wird der Protagonist erstmals damit konfrontiert, wie er durch sein gleichgültiges Verhalten auf gottesfürchtige Menschen wirkt. Den Vorwurf, er sei gottlos, nimmt er kommentarlos hin und verteidigt sich nicht. Sein indolentes Verhalten deutet er selbst als konsequenten Lebensansatz.
Für die Vorbereitung auf das Projekt sichtete der französische Regisseur und Drehbuchautor François Ozon Dokumente aus Archiven und traf Historiker und Zeitzeugen. Ihm sei dabei klargeworden, „inwieweit französische Familien alle eine Verbindung zu Algerien haben und dass ein schweres Schweigen immer noch oft unsere gemeinsamen Geschichten“ abwäge. Ozon bemüht sich, eine moderne Perspektive einzunehmen. Die Frauenfiguren sind in DER FREMDE besser ausgestaltet als in der Romanvorlage. Das gilt sowohl für die Figur der Marie, die Meursault im Gefängnis besucht und an ihm festhält, als auch für die arabische Frau Djemila, die von Nachbar Raymond schlecht behandelt wird. Beide gewinnen im Laufe von Ozons Erzählung an Gewicht. Auch der arabische Tote ist am Ende nicht mehr namenlos. Und Wochenschau-Aufnahmen rahmen die Geschichte ein.
Vielfilmer François Ozon („Gelobt sei Gott“, „Frantz“) arbeitet zudem gerne mit einem Darstellerensemble, das schon in seinen vorigen Filmen dabei war: Hauptdarsteller Benjamin Voisin darf nach seinem Auftritt im Coming-of-Age-Drama „Sommer 85“ in DER FREMDE als gereifter Charaktermime glänzen. Und die französisch-US-amerikanische Schauspielerin Rebecca Marder, die von 2015 bis 2022 festes Mitglied der Comédie-Française war, ist nach der Krimikomödie „Mein fabelhaftes Verbrechen“ hier von ihrer sinnlichen Seite zu sehen. Der Franzose Pierre Lottin setzte zuletzt schauspielerische Akzente in „Wenn der Herbst naht“ und ist aktuell auch in „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ als Altenpfleger auf Abwegen in den deutschen Kinos zu sehen.
Die Debütsingle „Killing an Arab“ von The Cure läuft im Abspann von DER FREMDE – und wir verlassen das Kino mit der Erkenntnis, dass wohl auch der zausel-haarige Sänger Robert Smith Camus gelesen haben muss. Sollte eigentlich auch Pflichtlektüre sein: Das Magazin „Der Spiegel“ zählt den Roman zu den besten 100 zwischen 1925 und 2025. Und Fatima Al Qadiri, die Ozon durch Mati Diops Film „Atlantique“ entdeckte, ergänzt die Geschichte um eine zusätzliche arabische Ebene, ihre klassischen und elektronischen Instrumente sorgen für eine eindringliche Filmmusik, die mit östlicher Sensibilität überzeugen kann.
L'Étranger (Frankreich 2025)
123 Minuten
Drama
François Ozon
François Ozon, Philippe Piazzo, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus
Manu Dacosse
Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud, Christophe Malavoy, Nicolas Vaude, Jean-Charles Clichet, Mireille Perrier, Hajar Bouzaouit, Abderrahmane Dehkani, Jérôme Pouly, Jean-Claude Bolle-Reddat, Christophe Vandevelde, Jean-Benoît Ugeux
Weltkino Filmverleih GmbH