„Die Filme bleiben“

Ferzan Özpetek im Gespräch über DIAMANTI

Mit DIAMANTI versammelt Ferzan Özpetek 18 Schauspielerinnen und erzählt zugleich von der Arbeitswelt eines römischen Kostümateliers in den 1970er-Jahren. Am Rande des Filmfests Hamburg 2025 sprach der italienisch-türkische Regisseur mit Filmjournalist Joachim Post über weibliche Solidarität, die Erinnerung an die Welt der Schneidereien, das Essen in seinen Filmen und die Bedeutung von Preisen.

Joachim Post mit Regisseur Ferzan Özpetek
Joachim Post mit Regisseur Ferzan Özpetek

Joachim Post: Lieber Ferzan Özpetek, vielen Dank für den Film, den ich gerade im Kino gesehen habe. Mich würde interessieren, wie du auf die Idee zu dem Film gekommen bist.

Ferzan Özpetek: Schon seit ungefähr zehn Jahren wollte ich unbedingt in einem Film mit all meinen Lieblingsschauspielerinnen zusammenarbeiten. Schauspielerinnen, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite und zu denen ich eine enge Verbindung habe. Ich wollte aber auch die Welt der Frauen in den Mittelpunkt stellen, denn die Welt der Frauen ist interessant und faszinierend. Genau wie die Frauen, die Schauspielerinnen dieses Films. Bei der Entscheidung, diesen Film zu machen, bin ich meinem Instinkt, meinem Herzen, gefolgt.

War es denn sehr schwierig, diese 18 bekannten Schauspielerinnen in einem Film zu vereinen und auch zu bekommen?

Ja, am Anfang war es schon schwierig, weil es in Italien noch nie eine Produktion mit so vielen bekannten Schauspielerinnen gleichzeitig gegeben hatte. Aber mein Produzent war gleich einverstanden und dann entwickelte sich alles sehr gut.

Was mir sehr gefallen hat, ist dieser Mikrokosmos eines Ateliers mit Näherinnen – eine Welt, in die ich vorher noch keinen Einblick hatte. Woher hattest du die Inspiration dazu?

Ich habe 16 Jahre als Regieassistent gearbeitet und habe dabei auch viele Schauspielerinnen, Regisseure und Kostümbildnerinnen in Kostümshops und Ateliers begleitet, vielfach in das bekannte Atelier Tirelli. Diese Welt der Ateliers ist mir also sehr gut bekannt, auch der Umstand, dass sie häufig eine von Frauen geprägte Welt widerspiegelt. Heute existiert diese Welt der Ateliers in dieser Form eigentlich gar nicht mehr, sie ist verloren gegangen. Diese Detailtreue in der Ausstattung, selbst bis zu den Statistenrollen, gibt es so heute nicht mehr. Oft werden nur noch die Kostüme der Hauptfiguren so hergestellt, ansonsten wird heute viel häufiger mit gemieteten Kostümen gearbeitet. Mir war es aber wichtig, die Erinnerung daran zu bewahren und wieder aufleben zu lassen.

Und in meiner Kindheit und Jugend war ich fast immer von Frauen umgeben, und das war ein großes Glück für mich. Ich betrachte Frauen wirklich als höhere Wesen, die ganz natürlich in der Lage sind, auch große Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend haben es mir ziemlich leicht gemacht, diese Geschichten in „Diamanti“ zu erzählen. Das Schwierige war dann eher, ein Gleichgewicht zu finden, sodass alle Figuren gleichberechtigt nebeneinander in diesem Film in Erscheinung treten konnten.

Glaubst du, dass schwule Männer und Frauen mit diesem Film mehr anfangen können als heterosexuelle Männer bzw. dass der Film sie mehr anspricht? Hast du da vielleicht Feedback bekommen?

Das ist das erste Mal, dass ein Film von mir heterosexuellen Männern genauso gut gefällt. In Italien hatte der Film über 2.600.000 Zuschauer. Meine Filme sind generell sehr beliebt bei homosexuellen Männern und bei Frauen. Aber dieser Film ist auch sehr beliebt bei heterosexuellen Männern. Mein Publikum ist durch den Film sehr viel größer geworden. Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, sehe ich häufig z.B. zwei Männer mit Jacke und Krawatte. Sie sehen aus wie Bankangestellte. Sie sagen mir: „Du bist ein Genie, du hast einen wunderbaren Film gemacht“. Sie gehen weiter. Oder ich höre von Männern, dass der Film wundervoll ist. Die können ja nicht alle schwul sein.

Ich habe noch eine Frage zu der Figur der Bianca Vega, die in dem Film vorkommt. Im Film ist sie die Kostümdesignerin, die schon Oscars gewonnen hat. Ist sie fiktiv? Ich habe bei der Recherche zumindest keine echte Kostümbildnerin dieses Namens gefunden, die bereits einen Oscar gewonnen hat.

Alle Figuren basieren auf der Realität. Ich werde aber nie sagen, wer die Kostümdesignerin ist. Auch der Regisseur hat einen Bezug zur Realität. Es gibt Regisseure, die so schreien, weil sie so neurotisch sind. Es gibt Beispiele dafür, die ich kennengelernt habe, als ich in jungen Jahren Regieassistent war. Aber es gibt etwas, das mich mit der Kostümdesignerin und dem Regisseur immer zusammenbringt. Wenn man erfolgreich wird, kann man auch viele Preise gewinnen. Und es gibt etwas, was die Bühnenbilderin im Film sagt, als sie den Oscar entgegengenommen hat, nämlich, dass es sehr verwirrend für sie war, weil sie sich wie ein Nichts, wie eine Niete gefühlt habe.

Das war sehr wichtig für mich, dass so etwas gesagt wird, denn das ist in etwa das, was ich empfunden habe, als ich den italienischen Oscar, den David di Donatello, entgegengenommen habe. Das haben manchmal kreative Leute gemeinsam, dass sie im höchsten Moment des Triumphs spüren, dass sie nicht so viel Wert haben, dass sie sich als nicht so wertvoll empfinden. Was für mich bleibt, sind die Filme, nicht die Preise, nicht die Festivals.

Weißt Du noch, wer vor sechs Jahren in Cannes gewonnen hat? Das ist nicht das, woran man sich erinnert, sondern es sind die Filme, die bleiben. Meine Art, Filme zu machen, hat sehr viel damit zu tun, dass ich meinem Herzen folge.

Ich habe in vielen deiner Filmen bemerkt, dass das Essen eine sehr wichtige Rolle spielt und es ist auch immer sehr schön anzusehen. In deutschen Filmen sehe ich das selten in dieser Form.

Ich bin in Italien berühmt für diese Szenen geworden, in denen alle an einem Tisch sitzen. Es gibt mittlerweile auch Restaurants mit den Namen meiner Filme. Unter anderem „Le fate ignoranti“ (Die Ahnungslosen). Oder es gibt beispielsweise einen großen Tisch, der meinen Namen trägt, weil diese Szene so beispielhaft geworden ist. Es ist etwas, was mich an meine Kindheit erinnert, denn Essen spielte eine sehr wichtige Rolle. Aber es gibt auch eine Verknüpfung mit meinen Erfahrungen in dem Atelier, in das ich als Regieassistent immer hingegangen bin, also in das Kostümatelier. Denn es gab dort wirklich so ein Essen, bei dem alle Regisseure und alle Angestellten zusammen waren. Es war für mich sehr interessant zu beobachten, dass gerade Leute, die in diesem berühmten Atelier Tirelli als Näherinnen gearbeitet haben, nachdem sie den Film gesehen hatten, sagten, dass es sehr berührend war für sie. Denn sie haben ganz genau verstanden, was in dieser Szene passiert, als sie plötzlich entscheiden, aufzustehen, dieses Essen zu verlassen, um das Kostüm zu Ende zu nähen.

Sicherlich ist es passiert, dass nach einem Film von Pedro Almodóvar mit einer Transperson auch bei allen späteren Filmen mit einer Transperson eine Verbindung zu Almodóvar hergestellt wurde. Also hieß es: „Das ist wie Almodóvar“. Und das Gleiche ist mit dem Essen passiert. Viele Leute am Tisch. Das ist genauso wie bei einem Film von Özpetek. Wie gesagt, die Verbindung zur Kindheit ist da. Essen spielte zu Hause eine sehr wichtige Rolle. Wir hatten verschiedene Esstische in der Küche und auf der Terrasse. Und es war immer sehr viel Essen vorhanden, sodass man, um einkaufen zu gehen, wirklich fast einen LKW brauchte. Solche Mengen wurden eingekauft.

Ich habe auch einige Werbespots für Produkte wie Nudeln oder Tomatensauce gedreht. Man muss sich aber von der Idee verabschieden, dass jemand immer in einer bestimmten Kategorie eingeordnet wird. Man sollte ein bisschen außerhalb solcher Kategorien denken. Ich habe im Laufe der Jahre sicherlich über 40 Werbespots für Tomatensauce und Nudeln. Ich bekomme immer noch Anfragen dafür, aber ich sage inzwischen „Nein, danke“.

Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Start des Films in Deutschland.

Weitere Print-Interviews (deutsch)

overview MichaelSpangenberg

Im Gespräch mit François Ozon

overview MichaelSpangenberg

Im Gespräch mit Moritz Bleibtreu zu SCHULD

overview MichaelSpangenberg

Marcus Mittermeier im Interview zu SCHULD

overview MichaelSpangenberg

Interviews zu SOMMERFEST

overview MichaelSpangenberg

Lars Eidinger: „Mir gefällt, dass sich Olivier Assayas als Regisseur sehr zurücknimmt“

overview MichaelSpangenberg

Ron Clements, John Musker und Osnat Shurer über VAIANA; „Uns lag es sehr am Herzen, dem Zuschauer ein ähnliches Erlebnis zu bescheren, wie wir es erlebt haben, als wir das erste Mal dort waren.“

overview MichaelSpangenberg

Andreas Bourani: „Ich lebe von der Vielfalt und der Abwechslung“

overview MichaelSpangenberg

Im Gespräch mit Jennifer Connelly

overview MichaelSpangenberg

Christian Tramitz: „Ich bin ein großer Fan von Hank in FINDET DORIE“

overview MichaelSpangenberg

Interviews mit François Ozon und Paula Beer zu FRANTZ

overview MichaelSpangenberg

Kung Fu Panda 3

 USA 2015 |  96 Minuten |  Animation
overview MichaelSpangenberg

Interview mit Jack Black zu KUNG FU PANDA 3