Der Film der Woche

Gentle Monster

17.09.2026

Es gibt Filme, an die man ohnehin hohe Erwartungen stellt, die einen dann aber doch mit voller Wucht erwischen. So wie GENTLE MONSTER von Marie Kreutzer, ein intensives und unbequemes Psychodrama, das mutig und mit dokumentarischer Nüchternheit dorthin geht, wo es verdammt wehtut.

Die gefeierte Konzerpianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht der Liebe wegen mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land. Der Filmemacher will sich dort von einem Burnout erholen – ein klassischer Neuanfang. Doch die Idylle trügt und wird spätestens in dem Moment zerstört, als die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür steht. Die Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) konfrontiert das Paar mit einem ungeheuerlichen und verstörenden Vorwurf: Philip soll Missbrauchsdarstellungen von Kindern besitzen. Das stellt Lucys Leben komplett auf den Kopf. Sie muss sich fragen, wer dieser Mann, mit dem sie ihr Leben teilt, wirklich ist.

Marie Kreutzer, die sich nicht erst seit „Corsage“ einen festen Platz in der Filmwelt gesichert hat, zeigt in GENTLE MONSTER erneut, wie feinfühlig sie einen Film inszenieren kann, ohne dabei in ein reißerisches Thriller-Spektakel zu verfallen. Die Regisseurin lässt dem vermeintlichen Täter keinerlei Bildschirmpräsenz und konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die psychologischen Nachwirkungen, die eine solche Beschuldigung auf das Umfeld hat.

Dass sie dabei auf zwei brillante Schauspielerinnen zurückgreifen kann, ist mehr als nur ein Glücksgriff, sondern einem präzisen Casting geschuldet. Wie die grandiose Léa Seydoux und die Schauspiel-Legende Catherine Deneuve als Lucys Mutter mit den Vorwürfen umgehen, ist schlichtweg beeindruckend. Besonders Seydoux spiegelt diese innere Zerrissenheit allein durch ihre Mimik und ihre Körperhaltung so intensiv wider, dass wir Zuschauer ihren Schmerz förmlich spüren.

Aber auch Jella Haase spielt beeindruckend und entfernt sich glücklicherweise immer mehr von ihrem Chantal-Image aus „Fack Ju Göhte“. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer starken und ernst zu nehmenden Charakterdarstellerin.

Auch die Kamera von Judith Kaufmann entzieht sich systematisch jeder Effekthascherei und bleibt immer nah an den Figuren. Fast schon dokumentarisch zeigt sie uns, wie die gewählte Einsamkeit auf dem Land fast zu einem Gefängnis wird.

Über eine Länge von knapp zwei Stunden fordert Kreutzer ihr Publikum heraus, denn weder liefert sie einfache Antworten, noch erhebt sie jemals den Zeigefinger. Genau diese kompromisslose Zurückhaltung, gepaart mit der emotionalen Wucht, hat GENTLE MONSTER für mich beim Filmfest München zu einem echten Highlight gemacht, das die große Leinwand gekonnt ausnutzt, um seine volle, unangenehme Wirkung zu entfalten.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Gentle Monster (Deutschland / Frankreich / Österreich 2026)

Länge

115 Minuten

Genre

Drama

Regie

Marie Kreutzer

Drehbuch

Marie Kreutzer

Kamera / Bildgestaltung

Judith Kaufmann

Darsteller

Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Chatherine Deneuve, Malo Blanchet, Aton Rubtsov, Nils Strunk, Sylvester Groth, Patrycija Ziółkowska, Regina Fritsch

Verleih

Alamode Filmdistribution OHG

Filmwebsite

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