In den 1990er-Jahren hätte womöglich niemand gedacht, dass aus einer Schnapsidee einmal Deutschlands erfolgreichste Schlagerband entstehen würde. In UND ES WAR SOMMER: DIETER THOMAS KUHN & BAND zeigt uns Juliane Sauter, wie die Band über so viele Jahre erfolgreich sein konnte.
Auch wenn deutscher Schlager nicht einmal ansatzweise zu meinem Musikgeschmack zählt, muss ich zugeben, dass auch ich einst in den 1990er-Jahren einem Konzert von Dieter Thomas Kuhn und seiner Band im Hamburger Stadtpark beiwohnte. Und ja, ich hatte dort durchaus meinen Spaß. Beeindruckter war ich hingegen, als ich im Sommer 2001 ein komplett neues Projekt des Bandleaders erleben durfte. Etwa zwei Jahre, nachdem sich die Band nach einem emotionalen Abschiedskonzert in der Stuttgarter Schleyerhalle getrennt hatte, stellte Thomas Kuhn, so sein bürgerlicher Name, im Hamburger Knust ausgewählten Journalisten in einem Showcase sein neues Projekt „Kuhn“ vor. Mit „Null/Eins“ legte er an diesem Abend ein Album vor, auf das ich auch ein Vierteljahrhundert später immer mal wieder zurückkomme. Deutschsprachiger Pop sollte von nun an sein. Mit Songs wie „Jeder neue Tag“, „Mond über Texas“, „Wärst Du die Sonne“ oder „Scheinwerfer aus“, der deutschen Version von Jakob Dylans „One Headlight“ von seiner Band „The Wallflowers“, hat Kuhn damals eigentlich alles richtig gemacht. Doch das Publikum sah das anders. Die Tour wurde irgendwann aufgrund geringer Ticketverkäufe abgebrochen, und die Band fand daraufhin den Weg zurück zum Schlager.
Aus genau diesem Grund war ich gespannt, ob UND ES WAR SOMMER: DIETER THOMAS KUHN & BAND auf dieses Kapitel eingehen oder es geflissentlich übergehen würde. Zum Glück ist das nicht der Fall. Aber weil Thomas Kuhn vor einem Vierteljahrhundert bei ebendiesem Showcase im Knust sagte, dass er sich freue, von einer Kunstfigur zu einem echten Musiker wechseln zu dürfen, ist es für mich besonders schmerzlich, noch einmal zu sehen, dass dieser Versuch seinerzeit gescheitert ist. Und auch wenn Kuhn im Film nach diesem Scheitern erzählt, wie froh er doch ist, mit seiner Band mehr als 200-mal im Jahr die Menschen glücklich machen zu dürfen, schwingt da für meine Begriffe trotzdem eine gewisse Melancholie mit.
Im Film selbst begleitet die Dokumentarfilmerin Juliane Sauter die achtköpfige Band über den Sommer 2024 zu diversen Konzerten, zeigt Ausschnitte, glückselige Fans, aber vor allem etwas, das vermutlich ein wesentlicher Grund für das lange Bestehen ausmacht: Freundschaft. Es ist fast so, als ob die Bandmitglieder zu oft die „Fast & Furious“-Reihe geschaut hätten. Aber nein, diese Freundschaft ist echt, das bekommen wir als Zuschauer immer wieder zu spüren. Der emotionale Anker von UND ES WAR SOMMER: DIETER THOMAS KUHN & BAND ist die unzerrüttbare Freundschaft zwischen Kuhn und seinem Gitarristen Philipp „Howie“ Feldtkeller, die sich auch durch eine schwere Erkrankung nicht trüben ließ.
Juliane Sauter gelingt mit UND ES WAR SOMMER: DIETER THOMAS KUHN & BAND ein sachlicher, angenehm unaufgeregter Blick hinter die Kulissen einer wirklich hart arbeitenden Band, ohne komplett in den Schlager-Klamauk abzudriften. Gerade deshalb ist der Film auch für Menschen interessant, die mit diesem Musikgenre sonst wenig anfangen können: Sauter interessiert sich weniger für die grellen Kostüme und die nostalgische Selbstinszenierung als für die Menschen, die seit Jahrzehnten miteinander auf der Bühne stehen. Die Fans kommen dabei selbstverständlich ebenfalls auf ihre Kosten – doch UND ES WAR SOMMER ist mehr als ein nostalgischer Konzertfilm. Es ist vor allem ein warmherziges Porträt über Freundschaft, Durchhaltevermögen und den Preis eines außergewöhnlichen Erfolgs.
Und es war Sommer (Deutschland 2026)
95 Minuten
Dokumentation / Musik
Juliane Sauter
Juliane Sauter
Sebastian Ganschow
Thomas Kuhn (als Dieter Thomas Kuhn), Philipp Feldtkeller (als Howard F.), Marc Lorenz, Raimund Göggel, Frank Stoeger, Joachim Schaitel, Achim Meier, Sebastian Demmin und viele glückliche Fans
Neue Visionen Filmverleih GmbH