Wer schön sein will, muss leiden – diese misogyne Doktrin verbindet die norwegische Autorin und Regisseurin Emilie Blichfeldt in THE UGLY STEPSISTER gekonnt mit dem Aschenputtel-Märchen der Brüder Grimm und einer ordentlichen Portion Body-Horror.
Schon immer stand Elvira (Lea Myren) im Schatten ihrer wunderschönen Stiefschwester Agnes (Thea Sofie Loch Næss). Nachdem ihre ehrgeizige Stiefmutter (Anne Dahl Torp) neu geheiratet hat, ziehen die drei Frauen ins neue Anwesen. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn der Mann stirbt bereits in der Hochzeitsnacht. Jetzt steht die Familie vor dem Ruin, da sich herausstellt, dass er ihnen überhaupt nichts hinterlassen hat. Den drei Damen wird schnell klar, dass sie nur überleben können, wenn sie erneut reich heiraten. Schon bald beginnt das Werben um potenzielle neue Gatten, doch Elvira ist es satt, immer wieder gegen ihre bildhübsche Stiefschwester zu verlieren. So ist ihr ab sofort jedes Mittel recht, um die Blicke von Prinz Julian (Isac Calmroth), dem begehrtesten Junggesellen des gesamten Königreichs, auf sich zu ziehen. Was folgt ist ein nicht enden wollender Strudel der körperlichen Selbstoptimierung…
Es ist der letzte Sonntag der diesjährigen Berlinale, und langsam aber sicher setzt die übliche Festivalmüdigkeit ein. Es fällt immer schwerer, im Kino die Augen offen zu halten, und irgendwann stellt sich die Frage: Weitergucken oder abbrechen? Eigentlich keine gute Voraussetzung für den letzten Film des Tages, ja gar des ganzen Festivals. Doch es steht THE UGLY STEPSISTER auf dem Programm, der Film, der bereits beim Sundance Film Festival für Wirbel sorgte und von dem die Kollegen in den höchsten Tönen schwärmen. Also Augen zu und durch, oder besser: Augen auf und durch!
Was folgt ist ein sensationeller Ritt durch eine unerbittliche Phase der Selbstoptimierung im (vermutlich) 18. Jahrhundert. Emilie Blichfeldt, die mit THE UGLY STEPSISTER ihr Langfilm-Debüt als Regisseurin vorlegt, hat sich das Aschenputtel-Märchen der Brüder Grimm geschnappt und daraus ein abgefahrenes Body-Horror-Fest gemacht.
Wenn man sich die Märchen der Brüder Grimm etwas genauer ansieht, hat es dort schon immer Mord und Totschlag gegeben, vor allem in den ursprünglichen Fassungen. Durch die Erzählweise ist uns das aber nie so wirklich bewusst geworden. Blichfeldt hat sich daher nicht auf eine bestimmte Version des Märchens bezogen, sondern sich aus den unterschiedlichsten Variationen ihre liebsten Versatzstücke herausgepickt, wie sie selbst erzählt. So verstümmeln sich die Stiefschwestern in der ursprünglichen Version tatsächlich ihre Füße, um in die Schuhe zu passen.
Wer im vergangenen Jahr „The Substance“ von Coralie Fargeat gesehen hat, der erkennt hier eine ähnliche Thematik: die Tyrannei der Schönheit und deren Auswirkungen auf junge Frauen. Der Regisseurin liegt das Thema selbst sehr am Herzen: „Ich hatte selbst jahrelang mit meinem Körperbild zu kämpfen und musste meinen Platz in der Frauenwelt erst finden. Mit dieser Geschichte möchte ich das Publikum in Elviras Erfahrungen eintauchen lassen und Mitgefühl, Unbehagen und Reflexion auslösen. Indem ich ihre schmerzhaften Empfindungen in den Körpern der Zuschauer spiegele, hoffe ich, eine instinktive Verbindung herzustellen, die zum Nachdenken anregt.“, so Blichfeldt. Das ist dann auch das Besondere an THE UGLY STEPSISTER, denn keinesfalls liegt hier ein simpler Horrorfilm vor, der lediglich von einer auf die nächste schockierende Szene zusteuert, vielmehr legt die Regisseurin extrem viel zwischen die Zeilen. Und auch wenn die Geschichte in einer nicht näher definierten „Einst-Zeit“ spielt, ist der Inhalt komplett zeitlos.
Emilie Blichfeldt gelingt es mit THE UGLY STEPSISTER, das Bestreben nach ultimativer Schönheit zu hinterfragen. Ein besseres Ende hätte die Berlinale für mich wirklich nicht finden können.
Den Stygge Stesøsteren (Norwegen / Polen / Dänemark / Rumänien 2025)
109 Minuten
Komödie / Horror / Märchen
Emilie Blichfeldt
Emilie Blichfeldt
Marcel Zyskind
Lea Myren, Thea Sofie Loch Næss, Ane Dahl Torp, Isac Calmroth, Flo Fagerli
Capelight Pictures Gerlach Selms GbR