George Jaques beweist mit SUNNY DANCER, wie frisch sich ein altbekanntes Genre anfühlen kann: Sein Film erzählt von Krebs, ohne die Krankheit zum alleinigen Thema zu machen und versteht es perfekt, die Wünsche und Ängste einer jungen Generation einzufangen.
Ivy (stark: Bella Ramsey) ist so gar nicht das, was man sich unter einem typischen Teenager vorstellt. Partys, Freunde oder die große Freiheit: All das juckt die 17-jährige überhaupt nicht. Okay, gerade erst hat sie eine Krebserkrankung überstanden, aber das ist doch kein Grund, sich zurückzuziehen, finden ihre Eltern (Jessica Gunning und James Norton). Also melden die beiden ihre Tochter kurzerhand in einem Feriencamp für krebskranke Jugendliche an. Widerwillig und in der festen Überzeugung, dass ihr nun die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorsteht, bezieht Ivy ihr Zimmer im Camp. Doch zu ihrer Überraschung findet sie unerwartet Gleichgesinnte in einer Gruppe von Außenseiter:innen. Schnell wird daraus echte Freundschaft und ein Sommer, den niemand von ihnen je vergessen wird.
Okay, zugegebenermaßen bin ich ein großer Fan von Coming-of-Age-Storys, muss aber immer wieder erleben, dass die Geschichten dieses Genres meist nach dem gleichen Schema ablaufen. Das ist zwar auch in SUNNY DANCER nicht anders, aber der britische Regisseur George Jaques, der auch das Drehbuch geschrieben hat, schafft es, dem Genre neuen Wind einzuhauchen. Die Prämisse klingt zunächst vertraut – doch Jaques verweigert sich erfreulich konsequent den erwartbaren Abkürzungen. Er nutzt seine Figuren nicht als bloße Vehikel der Geschichte, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe und nimmt ihre Sorgen und Ängste ernst.
Die Idee zum Film kam Jaques bereits in jungen Jahren, als seine Mutter an Krebs erkrankte. Doch er wollte nicht den Krebs in den Mittelpunkt stellen, sondern die Figuren der Geschichte. Also besuchte er zur Recherche ein dreitägiges Camp unter dem Motto „Find Your Sense of Tumour“ – eine Mischung aus Selbsthilfegruppe, Bildungsseminar und Freizeitcamp, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit bietet, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Regisseur George Jaques über seine Begegnungen im Camp
Jugendliche und junge Erwachsene erzählten mir, wie sie mit ihren Infusionsständern durch die Flure gerannt sind oder ihre ersten sexuellen Erfahrungen auf einer Krankenstation gemacht haben. In diesem Moment wurde mir klar, dass Krebs das Uninteressanteste an ihnen war. Beim Schreiben beschloss ich, die Krankheit in den Hintergrund zu rücken.
Bella Ramsey, die viele vielleicht aus der Serie „The Last Of Us“ kennen, zeigt uns in SUNNY DANCER, welch große Bandbreite sie als Schauspielerin beherrscht. Ihr rebellischer Charme und das ungeschönte Mundwerk ihrer Figur, passen perfekt zur Geschichte. Und Neil Patrick Harris (Barney Stinson aus „How I Met Your Mother“) spielt vielleicht ein wenig überzogen die Rolle des Camp-Leiters, doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass dahinter vielleicht der übergroße Wunsch seiner Figur steckt, den von Krankheit geprägten Jugendlichen selbst bei den kleinsten Anzeichen einer depressiven Phase entgegenzuwirken.
Aber SUNNY DANCER überrascht auch uns Zuschauer immer wieder. Tatsächlich gibt es einen Twist, der an dieser Stelle natürlich keinesfalls verraten wird, den ich aber auch bei der Zweitsichtung des Films nicht habe kommen sehen. So funktioniert gutes Kino!
Auch die Musik spielt eine wesentliche Rolle in SUNNY DANCER: Mit „I Don‘t Feel Like Dancing“ von den Scissor Sisters bindet Regisseur George Jaques einen kraftvollen Tanz ein – inszeniert von der Choreografin Polly Bennett –, der perfekt als zentrales Bindungselement der ungleichen Gruppe fungiert. Auch der selbstironische Gastauftritt eines äußerst bekannten Musikers bringt jede Menge Spaß ins Camp.
Gedreht wurde SUNNY DANCER übrigens im Auchengillan Outdoor Centre, einem echten Pfadfinder- und Outdoor-Zentrum in der Nähe von Glasgow in Schottland. Für zusätzliche Landschaftsaufnahmen diente die eindrucksvolle Natur rund um den nahegelegenen Loch Lomond. Damit wollte George Jaques bewusst einen Kontrast zu sterilen Klinikräumen bilden, in denen sich Krebsdramen sonst üblicherweise abspielen.
Darüber hinaus gelingt es SUNNY DANCER immer wieder, die imminente Bedrohung eines Rückfalls zwar zwischen den Zeilen greifbar zu machen, ihr aber niemals zu viel Raum zu geben. Diesen schmalen Grat zwischen unbeschwerter Freude und der Ungewissheit balanciert der Film nahezu perfekt aus. SUNNY DANCER macht die Krankheit nie unsichtbar, aber er reduziert seine Figuren auch nie auf sie. Gerade diese Haltung macht Jaques’ Film so besonders.
Sunny Dancer (Großbritannien 2026)
106 Minuten
Drama / Komödie / Coming-of-Age
George Jaques
George Jaques
Oliver Longcraine
Bella Ramsey, Neil Patrick Harris, Daniel Quinn-Toye, Ruby Stokes, Earl Cave, Conrad Khan, Jasmine Elcock, Jessica Gunning und James Norton
Capelight Pictures Gerlach Selms GbR