Die Kamera fliegt knapp über der Oberfläche eines nächtlichen Moors, gefilmt im fotografischen Negativ – dazu erklingt eine bizarr-elektronische Version des Song-Klassikers „La Paloma“. Gleich zu Beginn zieht uns das Melodram IM SPIEGEL MEINER MUTTER von Jutta Brückner magisch in den Bann. Doch für die Hyper-Symbolik dieser toxischen Mutter-Tochter-Beziehung brauchen wir Zuschauer viel Geduld. Die hat leider nicht jeder.
Dieser Film von Jutta Brückner (Jahrgang 1941) wirkt wie aus der Zeit gefallen. Cineastische Werke mit dieser überdeutlichen Symbolik (Spiegel-Motiv!) kennen wir vor allem aus den 1950er- und 1960er-Jahren – besonders vom schwedischen Meisterregisseur Ingmar Bergman. Brückner dreht seit 1973 Filme – ihr bekanntester ist wohl „Hungerjahre“ von 1980. Damals gab es noch den Begriff „Problemfilm“ (den ich nie leiden konnte!), heutzutage subsumieren wir dieses Genre unter Arthouse-Kino.
Die erfolgreiche Archäologin und Universitätsprofessorin Ursula Scheuner (Corinna Harfouch) macht bei Ausgrabungen im Moor einen sensationellen Leichenfund, der ihr finanziell angeschlagenes Institut retten könnte. Doch noch hält sie die Moorleiche geheim und versteckt sie in einem schwer zugänglichen Raum des verwinkelten Gebäudes, das zurzeit bei unerträglichem Baulärm renoviert wird. Ein normaler Studienbetrieb ist unter diesen Bedingungen nicht möglich, und Ursula muss schon mal ein Seminar vorzeitig entnervt abbrechen.
Die junge Mel (Carla Juri) wird Ursula als Assistentin zur Seite gestellt und unterstützt sie als einzige bei der Untersuchung der Moorleiche. Doch irgendetwas stimmt mit Mel nicht: Sie hat offenbar keine eigene Wohnung und scheint Ursulas Gedanken vorauszuahnen. Sie weiß Dinge über deren Familie, die sie eigentlich nicht wissen kann. (Geschulte Semantiker finden hier sicherlich eine Lösung.)
Gleichzeitig muss Ursula den Tod ihrer Mutter (Hildegard Schmahl) verarbeiten, zu der sie seit ihrer Kindheit ein schwieriges Verhältnis hatte. Die an Altersdemenz Erkrankte ist vor Kurzen im Pflegeheim gestorben – und die Tochter muss jetzt das Haus ihrer Eltern ausräumen. Dabei wird sie natürlich von ihren Erinnerungen überwältigt. Mel hilft ihr bei dieser schmerzlichen Trauerarbeit und darf mit im Haus übernachten. Immer wieder fügt die Regisseurin intensive Rückblenden der vergifteten Atmosphäre des Zusammenlebens von Mutter und Tochter ein – und Mel wirkt dabei wie ein Katalysator. Dann entdecken die beiden Frauen eine zweite Moorleiche…
In vielen Religionen und antiken Kulturen dient der Spiegel als Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten. Ich bin mir sicher: Das Drehbuch von Jutta Brückner war von diesen Dingen inspiriert. Am Ende wird dann auch für jeden Zuschauer auch das Geheimnis um Mel gelöst – für einige wohl keine Überraschung.
Eine der schönsten Gedichtzeilen des 20. Jahrhunderts stammt von T. S. Eliot: „Time present and time past are both perhaps present in time future.“ In der Übersetzung etwa: „Gegenwart und Vergangenheit sind beide vielleicht in der Zukunft gegenwärtig.“ Letztendlich geht es in IM SPIEGEL MEINER MUTTER genau darum – um die Verzahnung mehrerer Zeitebenen und Altersstufen eines menschlichen Lebens. Dieses ernste, tief traurige Melodram mit drei wunderbaren Schauspielrinnen verdient einen Kinobesuch – trotz seiner zugegeben etwas aufdringlichen Symbolik.
Im Spiegel meiner Mutter (Deutschland 2026)
95 Minuten
Drama
Jutta Brückner
Jutta Brückner
Daniela Knapp
Corinna Harfouch, Carla Juri, Hildegard Schmahl, Nina Kunzendorf, Samuel Finzi, Sebastian Schwarz, Rosa Enskat, Hannah Ehrlichmann, Franz Hartwig, Svenja Wasser, Annika Benzin, Rosie Heidenreich, Silvana Synovia, Zeljka Preksavec, Ralf Harster, Lydia Amasko, Ipek Özgen, Maurice Läbe, Hermia Gerdes
X Verleih AG