Endlich ist MICHAEL da, das Biopic über Michael Jackson. Gezeigt wird der „Aufstieg einer Legende“, so heißt es zumindest auf dem Filmplakat. Fans bekommen genau das, eine Heldenreise, die Idolwerdung des „King of Pop“ – allerdings ohne Tiefe oder Risse in der Erzählung. Leider auch ohne Faktentreue.
Der US-amerikanische Regisseur Regisseur Antoine Fuqua („Training Day“) hat sich in den 1980er und 1990er Jahren durch die von ihm inszenierten Musikvideos einen Namen gemacht. Er arbeitete unter anderem mit so bekannten afroamerikanischen Künstlern wie Prince, Stevie Wonder oder Toni Braxton. Die Arbeit an Coolios Musikvideo „Gangsta’s Paradise“ (1995) wurde mit dem MTV Video Music Award für das beste Rap-Video preisgekrönt. Auch in der Werbebranche war Fuqua aktiv, bevor er 1998 mit dem Actionfilm „The Replacement Killers – Die Ersatzkiller“ sein Debüt als Spielfilmregisseur in Hollywood gab. Und nun hat er mit MICHAEL einen Werbespot für Michael Jackson in Szene gesetzt, mit dessen Neffen Jaafar Jackson in der Titelrolle.
Was uns erwartet ist also ein Biopic über die frühen Karrierejahre von Michael Jackson. Das Familienoberhaupt Joseph Jackson (Colman Domingo) möchte aus den prekären Verhältnissen heraus, in denen er als harter Arbeiter mit seiner Familie in Gary, Indiana des Jahres 1966 lebt. Also trainiert er seine fünf Jungs zu Hause hart: Singen und Tanzen steht auf dem Programm. Michael ist der jüngste Sohn, aber auch der talentierteste. Da er etwas aufmüpfig ist, bekommt er auch schon mal den Gürtel von Vater Joseph zu spüren. Härtere Szenen wurden angeblich gedreht, aber herausgeschnitten aus dem Familiendrama MICHAEL. Bei ersten Auftritten der Jackson 5 begeistert vor allem der kleine Michael (Juliano Valdi) mit seiner famosen Stimmleistung, aber auch durch seine Bewegungen auf der Bühne. Das erkennt Suzanne de Passe (Laura Harrier) sofort, die die Jackson 5 für Motown Records entdeckt.
Der süße Michael steht dann für die Gesangsaufnahmen im Studio des legendären Berry Gordy (Larenz Tate). Ach nein, er hampelt herum, weil er einfach nicht stillstehen kann. Das ist für die Qualität der Gesangsspuren nicht ganz optimal, aber schließlich bekommt es der quirlige Michael hin. Anschließend darf er bei Gordy vor dem Mischpult auf dem Schoß sitzen. Der erklärt ihm in aller Ruhe, wie das funktioniert. Eine Vaterfigur, wie sie Michael nie hatte. Doch dann drängt Joseph wieder, der sein Produkt weiter vermarkten will – und schließlich auch offiziell der Manager seiner Jungs wird. Schnell bekommen die Jackson 5 mit der Hitsingle „ABC“ Star-Status – in den Billboard Charts preschen sie auf Platz 1 vor (und stoßen die Beatles von ihrem Thron).
Wir merken schnell: Michael Jackson ist der wahre Star, seine Brüder Jermaine (Jamal R. Henderson; als Kind: Jayden Harville), Marlon (Tre Horton; als Kind: Jaylen Lyndon Hunter), Tito (Rhyan Hill; als Kind: Judah Edwards) und Jackie (Joseph David-Jones; als Kind: Nathaniel Logan McIntyre) sind zwar durchaus talentiert, aber eigentlich nur eine Beigabe, die Vater Joseph so haben will. Michael, der ohne Freunde gleichen Alters aufwächst und sich stattdessen immer mehr Tiere als Ersatz dafür ins Haus holt (eine Giraffe, eine Schlange, ein Lama und schließlich den Schimpansen Bubbles), muss sich abnabeln bzw. freikämpfen von seinem herrischen Vater. Er lernt den legendären Produzenten Quincy Jones (Kendrick Sampson) kennen, der mit ihm schließlich das Solo-Debütalbum „Off the Wall“ aufnehmen wird. Michael Jackson (nun: Jaafar Jackson) bittet den Entertainment-Anwalt und Musikmanager John G. Branca (Miles Teller) Vater Joseph zu kündigen – und zwar schnell. Also schickt dieser ein Fax. Das hat gesessen!
Drehbuchautor John Logan („Gladiator“, „Aviator“) wollte hinter die Auszeichnungen – die weltweit eine Milliarde verkaufter Tonträger, die 26 American Music Awards, die 13 GRAMMY Awards®, über 30 Guinness-Weltrekorde (darunter der Titel „Erfolgreichster Entertainer aller Zeiten“), die humanitären Auszeichnungen und die Aufnahme in die Hall of Fame – blicken und zeigen, wer Michael sein wollte und was er für all jene verkörperte, die sagten, er habe sie in eine andere Welt entführt. Statt Jacksons gesamtes Leben zu verdichten, konzentrierte sich das Drehbuch auf die prägenden Jahre: seine Entwicklung vom sensiblen Jungen im Rampenlicht zum jungen Mann voller Leidenschaft, der mit einem weltweiten Publikum, das noch nie jemanden wie ihn gesehen hatte, nach wahrer künstlerischer Freiheit strebte. „Was hinter all dem steckte, war das Herz eines Mannes, der Freude verbreiten wollte“, erklärt Logan. „Er glaubte zutiefst an seine Musik als spirituellen Akt und war fest davon überzeugt, dass diese Lieder die ganze Welt zusammenbringen und sie auf gewisse Weise heilen können.“
Wir dürfen im Heldenepos MICHAEL also teilhaben an intimen Momenten, in denen Michael Jackson seine Ideen als Haftnotiz oder Audio-Snippet festhält. Da der Künstler in diesen Szenen oft alleine ist und sich z.B. in seinem Homestudio verschanzt, ist der Wahrheitsgehalt dieser Erzählung aber mehr als fragwürdig. Für den Dreh des legendären „Thriller“-Musikvideos mit tanzenden Zombies, rekrutiert der angehende Superstar Gangmitglieder, die sonst auf der Straße (oder auch mal in einer Halle) Dance-Battles abhalten. Sieht schön aus, denn Musikvideos inszenieren kann Filmemacher Antoine Fuqua ja. Doch ob diese Entstehungsgeschichte wirklich verbrieft ist? Das ist zumindest fraglich. Schwester Janet Jackson taucht übrigens im ganzen Film nicht auf. Sie wollte mit dem Projekt nichts zu tun haben.
Trotz Soloalbum geht Michael nochmal mit der Jackson 5 auf die „Victory“-Welttour, weil sein Vater einen Deal mit dem legendären Boxpromoter Don King (Deon Cole) eingefädelt hat. Der zugehörige Pepsi-Werbedeal endet allerdings mit einem Desaster. Michaels Haare gehen beim Dreh in Flammen auf, er landet mit verbrannter Kopfhaut auf der Intensivstation – und sucht dort die viel schlimmer von Verbrennungen betroffenen Kinder in ihren Zimmern auf. Michael ist also nicht nur tierlieb, sondern mag auch Kinder. Als diese Kinderliebe schließlich problematisch wird, ist das Biopic MICHAEL schon längst vorbei. Es endet mit der erfolgreichen Tour zum Album „Bad“ im Jahre 1988. Michael hat also Resilienz bewiesen und sich auf die Bühne zurückgekämpft!
Angeblich ist ein zweiter Teil geplant, der aber wahrscheinlich auch nur an der Oberfläche kratzt. Die Produktion von MICHAEL stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Erst wurden die geplanten Dreharbeiten im September 2023 wegen des SAG-AFTRA-Streiks verschoben, dann begannen sie letztlich am 22. Januar 2024 und zogen sich bis zum 30. Mai 2024. Im Januar 2025 wurde bekanntgegeben, dass Teile des Filmmaterials rechtlich unbrauchbar seien. Dabei geht es um die Thematisierung von Missbrauchsvorwürfen gegenüber Michael Jackson in den 1990er Jahren. Diese von Evan Chandler im Namen seines Sohnes erhobenen Vorwürfe schlugen eine sehr große mediale und juristische Welle, aber endeten schließlich mit einem finanziellen Vergleich, der aber auch beinhaltete, dass der Name und die Figur von Jordan Chandler in keinerlei Verfilmungen auftauchen dürfe.
Nia Long (Mutter Katherine Jackson) und Amaya Mendoza (Schwester La Toya als Kind) sind leider, ebenso wie Katerina Graham als Diana Ross und Liv Symone als Gladys Knight, nur schmuckes Beiwerk in der Emanzipationsgeschichte von Michael Jackson. Das komplette Fehlen von Janet Jackson, die schließlich der zweitgrößte Star aus dem Jackson-Clan ist, stößt sogar übel auf. Jacksons Neffe Jaafar bekommt in der Titelrolle zumindest die Dance-Moves gut hin, ansonsten bleibt er in seiner ersten Schauspielrolle trotz der Ähnlichkeit mit Michael aber ziemlich blass. Die Nasen-OP wird natürlich ebenso thematisiert wie die Hautbleichungen. Und auch Peter Pan und das Nimmerland treiben die Erzählung voran. Aber leider bleibt nach langen 127 Minuten nur die Werbe- und Musikvideoclip-Ästhetik von Regisseur Antoine Fuqua („The Equalizer“) haften, die zugegebenermaßen auf großen Leinwänden mit toller Soundanlage ihre Wirkung entfaltet.
Doch MICHAEL hat einen faden Beigeschmack, da jegliche Tiefe in der Erzählung des Familiendramas fehlt und das Fragwürdige an der Person Michael Jackson komplett ausgespart wird. Wir erleben nur das Popidol und seinen Weg dorthin. Völlig unkritisch. Und das ist natürlich kritisch und kann verständlicherweise ein Grund dafür sein, sich dieses Heldenepos ohne Fallhöhe komplett zu ersparen.
Michael (USA 2026)
128 Minuten
Biographie / Drama / Musik
Antoine Fuqua
John Logan
Dion Beebe
Jaafar Jackson, Nia Long, Laura Harrier, Juliano Krue Valdi, Miles Teller, Colman Domingo
Universal Pictures International Germany GmbH