Wie leer kann ein Leben sein, wenn es fast ausschließlich auf eine Social-Media-Präsenz ausgelegt ist. Dieser Frage geht Autor und Regisseur Joscha Bongarz in seinem Spielfilm-Debüt BABYSTAR nach.
Seitdem sie denken kann, ist die 16-jährige Luca (Maja Bons) eine Influencerin, die der Welt in den sozialen Medien ihre ach so perfekte Familie zeigt. Dadurch haben sich ihre Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) ein recht luxuriöses Leben finanzieren können. Und immer wenn Luca mal nicht nach dem nächsten Selfie ist, wird sie von ihnen dezent darauf hingewiesen, dass das schließlich den Lebensunterhalt der drei finanziert. Echte Liebe oder gar Wärme sucht man in diesem Konstrukt allerdings vergeblich.
Eines Tages eröffnen ihr die Eltern, dass sie ein zweites Kind erwarten. Ist Luca damit abgeschrieben? Wird das neue Kind irgendwann ihren Platz einnehmen? Langsam beginnt sich der Unmut von Luca zu einer Rebellion zu entwickeln. Ist das hier wirklich das erstrebenswerte Leben?
Mit seinem Regiedebüt setzt der Drehbuchautor und Regisseur Joscha Bongarz auf ein Phänomen, das sich mit den sozialen Medien in unsere Gesellschaft eingeschlichen hat: ein fleckenloses Leben im Netz, das sich aber so gar nicht mit der Realität deckt – und dabei immer auf der Jagd nach dem nächsten Reel, dem nächsten Post. Bongard überspitzt in BABYSTAR die Thematik extrem, indem er fast ausschließlich auf perfekt inszenierte Bilderwelten setzt, die auf uns Zuschauer extrem seltsam wirken. Doch wer sich ein wenig in der Online-Welt auskennt, der weiß, dass diese Hochglanz-Optik gepaart mit einer unfassbaren Seelenlosigkeit vermutlich gar nicht so überdramatisiert ist.
In der Rolle der 16-jährigen Luca überzeugt Maja Bons („Die Akademie“, „Everyone is f*cking crazy“) auf ganzer Linie. Im vergangenen Jahr wurde sie zu Recht mit dem Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet und dabei während der Verleihung ziemlich überrascht, worüber wir in unserem Gespräch im Rahmen des Filmfest Hamburg gesprochen haben. In BABYSTAR gelingt es Bons, nur durch ihre Blicke die Leere in ihrem (Rollen-) Leben auszudrücken.
Der Kameramann Jakob Sinsel fängt diese emotionale Leere zudem mit starken Bildern ein, in denen die Figuren oftmals verloren oder gar fehlplatziert wirken. Leider lässt Joscha Bongarz die Figur der Luca viel zu selten ausbrechen, was für eine viel zu geringe Fallhöhe sorgt. Konflikte lösen sich zu schnell auf, als dass sie wirklich einen Gegenpol zur perfekten Inszenierung bieten. Ein bisschen mehr Mut zur Konfrontation hätte BABYSTAR durchaus gut getan. Am Ende bleibt aber trotzdem ein sehenswerter Film übrig, der uns die Absurdität der sozialen Medien vor Augen führt. Und allein dafür lohnt sich das Lösen eines Kinotickets.
Beim Filmfest Hamburg, wo BABYSTAR im vergangenen Oktober seine Deutschland-Premiere feierte, stand mir die Hauptdarstellerin Maja Bons Rede und Antwort. Wir sprachen u.a. über ihre Vorbereitung auf die Rolle, ihre Rollenauswahl generell und über ihre überraschende Auszeichnung mit dem Bayerischen Filmpreis im vergangenen Jahr.
Babystar (Deutschland 2024)
102 Minuten
Drama
Joscha Bongard
Nicole Rüthers, Joscha Bongard
Jakob Sinsel
Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald, Verena Altenberger, Leon Burckhardt, Joy Ewulu, Christian Koch, Maria Matschke-Engel, Matthias Matschke, Maximilian Mundt, Alexander Schuster
Across Nations Filmverleih