In ihrem eindrucksvollen Film nimmt uns die Regisseurin Julia Roesler mit in die Welt von LUISA, die in einem Heim für Menschen mit Behinderungen lebt und die plötzlich schwanger ist…
Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass Luisa von Zuhause ausgezogen ist. Neugierig auf das Leben lebt sie nun in einem Heim für Menschen mit Behinderungen, liebt Partys, ist neugierig auf das Leben und verbringt neben ihrem Job in einer Wäscherei viel Zeit mit ihrem Freund Anton. Doch dann stellt sich heraus, das Luisa schwanger ist. Da Anton jedoch unfruchtbar ist, kommt schnell der Verdacht eines Missbrauchs auf. Doch Luisa schweigt und zieht sich immer mehr in sich zurück. Als auch die Polizei in die Angelegenheit hineingezogen wird, entschließt sich Luisa auf Anraten ihrer Betreuer, die Schwangerschaft abzubrechen. Immer mehr werden die Ermittlungen zur Belastung für Luisa, ihren Freund Anton und die gesamte Belegschaft des Heims…
Bei der Sichtung von LUISA fällt eines schnell auf: Dieser Film ist anders – und das meine ich ausnahmslos positiv. Zuerst einmal agieren hier Schauspieler*innen mit und ohne Behinderung gemeinsam und das sogar noch paritätisch. Dennoch hebt der Film das nicht sonderlich hervor und das ist verdammt noch mal gut so. Inklusion ist immer dann am besten, wenn sie selbstverständlich ist und nicht hinterfragt wird.
Doch eine Sache – oder vielmehr ein Gefühl – hat mich noch viel mehr fasziniert: Man wird den Eindruck nicht los, dass hier jemand ganz intensiv recherchiert hat und sämtliche Aspekte wohlüberlegt zusammengeführt hat. Es fühlt sich so an, als würde jemand mit diesen Menschen mit Behinderung eine Geschichte erzählen und nicht nur über sie. Und tatsächlich haben Julia Roesler und Silke Merzhäuser ihr Drehbuch nach monatelangen Recherchen in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung geschrieben. Neben der individuell bewegenden Geschichte der jungen Bewohnerin LUISA wollten sie auch die Strukturen, die die extrem hohen Fallzahlen von Missbrauch an Frauen mit Behinderung ermöglichen, sichtbar machen.
Gerade Celina Scharff in der titelgebenden Hauptrolle der LUISA legt eine starke Leistung hin. Wie sie mehr und mehr mit der Gesamtsituation überfordert ist, bringt die junge Frau eindrucksvoll zum Ausdruck. Scharff gehört zum Theaterensemble „Meine Damen und Herren“ aus Hamburg, einer festen Gruppe von Performer*innen mit und ohne Behinderung, die seit 1996 eine Vielzahl an Theaterstücken entwickelt und u.a. auf Kampnagel sowie auf überregionalen Bühnen und Festivals auf die Bühne gebracht hat.
Im Laufe des Films wähnt man sich als geübter Filmbetrachter in einem typischen Whodunit-Thriller, doch irgendwann kommt die Einsicht, dass es der Regisseurin Julia Roesler, die zusammen mit Silke Merzhäuser auch das Drehbuch geschrieben hat, vielmehr um einen ungeschönten, fast schon dokumentarischen Einblick in die Welt eines solchen Wohnheims geht. Vor allem aber um die Frage, wie dünn die Linie zwischen Unterstützung und Abhängigkeit sein kann. So bittet Luisa in einer Szene ihren Betreuer, ihr 5 Euro zu leihen. Davon kauft sie einen Luftballon, den sie dem Busfahrer schenkt, der sie und ihre Gruppe jeden Tag zur Arbeit fährt und den sie heimlich ein wenig anhimmelt. Eigentlich keine schlimme Sache, die aber dennoch zu einer Art Abhängigkeit führen könnte.
Auch sonst zeugt uns LUISA immer wieder grenzüberschreitende oder zumdest kritische Handlungen, die wir vielleicht gar nicht als solche wahrnehmen. Gleichzeitig legt der Film uns damit immer wieder (falsche) Fährten aus auf der Suche nach dem Schuldigen. Eines ist aber klar: Alle Menschen, die in solchen Institutionen arbeiten, bewegen sich täglich auf einem schmalen Grat. Und letztendlich kann man nicht alles und jeden zu jeder Zeit überwachen. Ein Dilemma, aus dem es so einfach wohl keinen Ausweg gibt.
Aktuell kommen gerade ganz unterschiedliche Filme mit einem inklusiven Cast in die Kinos. Neben LUISA sind das u.a. „Als wäre es leicht“ (bereits am 02.04.26 gestartet) oder „Der Frosch und das Wasser“ (im Kino ab dem 30.04.26). Ich finde, das ist eine tolle Entwicklung und hoffe, dass noch weitere Filmemacher*innen diesen Weg gehen werden. Das geschieht aber nur, wenn wir Zuschauer uns diese Filme auch im Kino ansehen. Also runter vom Sofa und rein ins Lieblingskino zu LUISA…
Luisa (Deutschland 2025)
94 Minuten
Drama
Julia Roesler
Silke Merzhäuser, Julia Roesler
Frank Amann
Celina Scharff, Katharina Bromka, Michael Schumacher, Melanie Lux, Josefine Großkinsky, Noa Michalski, Matthias Zalachowski, Lina Strothmann, Dennis Seidel, Trixi Strobel, Martin Schnippa, Hadi Khanjanpour, Tim Porath, Gina Calinoiu, Bernd Hölscher, Sarah Hostettler, Alrun Hofert, Mathias Max Herrmann, Eva Löbau. Peter Lohmeyer
Real Fiction Filmverleih e.K.