Der Nebel schimmert toxisch über einer retrofuturistischen Metropole. Der Leatherman geht hier um: ein Killer, der seine Opfer mit diamantenbesetzten Lederhandschuhen zerfetzt. Der dänische Autorenfilmer Nicolas Winding Refn („Drive“) meldet sich nach zehn Jahren Kino-Abstinenz mit dem Neo-Noir-Horrorfilm HER PRIVATE HELL zurück und zitiert dabei vor allem sich selbst, bedient sich aber auch bei Giallos und Brian De Palma.
Während die Stadt im Bann des Killers liegt, begibt sich die junge Elle (Sophie Thatcher) in HER PRIVATE HELL auf die Suche nach ihrem Vater. Zur gleichen Zeit kämpft sich Private K. (Charles Melton) durch die Unterwelt, um seine entführte Tochter aus der Hölle zu retten. Irgendwann werden sie sich begegnen, das ist klar. Doch zunächst vertreibt sich Elle, eine zurückhaltende junge Schauspielerin, die Zeit mit ihrer Stiefmutter (und ehemaligen besten Freundin) Dominique (Havana Rose Liu), sehnt aber ihren Vater, den einflussreichen Regisseur Johnny Thunders (Dougray Scott) herbei, – und erzählt der unbedarften Hunter (Kristine Frøseth), die sich gerade erst in dem mondänen Wohnkomplex dazugesellt hat, von ihm. Hunter ist ebenso eine junge Schauspielerin, die unbedingt Erfolg haben will und gerade erst beginnt, die Welt um sich herum zu verstehen.
Wir fragen uns natürlich, wie Nicolas Winding Refn (er verfasste das Drehbuch zusammen mit Esti Giordani) auf solch eine Geschichte gekommen ist, die sich nicht immer gleich erschließt. „Der Film begann mit der Tatsache, dass ich starb und wieder zum Leben erweckt wurde“, erklärt er unverblümt. Nachdem Refn aufgrund eines Herzdefekts dem Tod ins Auge gesehen hatte, wurde das Bedürfnis, aus dieser neuen Perspektive heraus Kunst zu schaffen, dringlich, ja sogar unausweichlich. „Als ich zurückkam, fing ich in vielen Bereichen meines Lebens von vorne an“, erklärt er. „Einer der Bereiche, die ich erkunden wollte, war, mein lebhaftes, vitales Verlangen aus dieser neuen Perspektive zum Ausdruck zu bringen. Diese neue Lebenseinstellung wollte ich mit der Art und Weise verschmelzen, wie ich Kreativität betrachte und erlebe.“
Und: Die Geschichte von Private K liegt Refn sehr am Herzen: „Ich hatte den Wunsch, nicht zu sterben, weil ich zu meiner jüngsten Tochter zurückkehren musste – sie war noch nicht bereit, mich gehen zu lassen.“ Dieses Gefühl wurde zum tragenden Thema hinter Private K, einer Figur, die Refn als „sein Alter Ego“ betrachtet. Private Ks Reise ist die eines entschlossenen Vaters, der versucht, den Weg zu seiner Tochter zu finden und ihn sich freizukämpfen, um sie aus der Unterwelt zu retten. Umgekehrt fängt Elles Geschichte die Auswirkungen ihres eigenen unvollkommenen Vaters ein, dessen Zuneigung sie nie ganz für sich gewinnen kann.
Bei Refn („Only God Forgives“) handelt es sich mit HER PRIVATE HELL also auch um eine Auferstehung. Er zeigt uns eine neonüberflutete Metropole, die einer pulsierenden Traumlandschaft gleicht. Dieser unwirkliche Look scheint einem Science-Fiction-Film entsprungen zu sein. Tatsächlich gibt es auch den Film im Film, auf den wir hier nicht näher eingehen wollen. Die Besetzung ist mit Sophie Thatcher („Companion – Die perfekte Begleitung“, „Heretic“), Charles Melton („Warfare“, „May December“) und Havana Rose Liu („The Piano Tuner“, „Lurker“) zwar stark, doch können sie allesamt in den Kulissen, die wie eine Kunstinstallation wirken, schauspielerisch nicht glänzen. Manchmal erinnert der Sci-Fi-Thriller an „Barbarella“, doch zumeist zitiert Refn sich selbst („The Neon Demon“) oder bedient sich am Giallo-Genre, der italienische Soundtrack-Maestro Pino Donaggio verantwortet auch die opernhafte Filmmusik.
Den audiovisuellen Rausch von HER PRIVATE HELL ergänzt Refn um explizite, plötzlich ausbrechende Gewalt. Ebenso eines seiner Markenzeichen. Auch die Filme von Brian De Palma („Dressed to Kill“, „Der Tod kommt zweimal“) hat der Däne wohl studiert. Seit der Weltpremiere in Cannes hat Refn mehrfach die Gemüter gespalten – auch nichts Neues. Für Fans von begehbaren Kunstinstallationen ist dieser stylische Neo-Giallo durchaus empfehlenswert, auch wenn zwei Stunden Spielzeit etwas Geduld erfordern.
Her Private Hell (Dänemark / Großbritannien / USA 2026)
110 Minuten
Thriller
Nicolas Winding Refn
Nicolas Winding Refn, Esti Giordani
Magnus Nordenhof Jønck
Sophie Thatcher, Charles Melton, Havana Rose Liu, Diego Calva, Kristine Frøseth
Plaion Pictures GmbH