Doch das Böse gibt es nicht

19.08.2021

Als Jury-Präsident Jeremy Irons vor eineinhalb Jahren den Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2020 bekannt gab, war die Reaktion fast durchweg positiv. Mit dem aufwühlenden Meisterwerk DOCH DAS BÖSE GIBT ES NICHT hatte der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof den Nerv der Zeit getroffen.  Dieser flammende Appell gegen das iranische Unrechtsregime geht wohl jedem Zuschauer an die Nieren. Thema des zweieinhalbstündigen Films ist das Phänomen, dass hinter China der Iran das Land mit den meisten vollstreckten Todesurteilen ist – weltweit.

Die Philosophin Hannah Arendt schrieb einmal über die „Banalität des Bösen“ – und genau das zeigt Rasoulof in vier Episoden. Der Regisseur, der zeitweise auch in Hamburg gelebt hat, darf seit Jahren sein Land nicht verlassen, und er hat ständig Ärger mit der staatlichen Zensur. Für seinen neuen Film nutzte er einen raffinierten Trick: Unter falschen Namen beantragte er die Drehgenehmigungen von vier Kurzfilmen und bekam die Erlaubnis. Erst im Schneideraum verzahnte er die Geschichten zu einem schlüssigen Ganzen.

Den Episodencharakter versucht Rasoulof gar nicht erst zu verschleiern. Die Teile sind ganz bewusst in vier disparaten Stilen gedreht. Die erste Episode ist ein nüchternes Dokudrama über den banalen Alltag eines Biedermannes, die zweite eine irrwitzige Farce über einen überforderten Soldaten, die dritte ein bäuerliches Liebes-Melodram und die vierte eine poetische Hommage an den großen iranischen Regisseur Abbas Kiarostami, der 2016 gestorben war.

Im ersten Teil beobachten wir das langweilige Leben von Heshmat (Ehsan Mirhosseini), einem Mann in den besten Jahren. Er arbeitet offensichtlich in einem Gefängnis. Gleich zu Beginn schleppt er einen riesigen Sack Reis in den Kofferraum – wobei jeder denkt, er entsorgt eine Leiche. Eine der vielen Finten Rasoulofs. Heshmat holt seine Frau, eine Lehrerin, und seine Tochter von der Schule ab, kauft im Supermarkt ein, kümmert sich um seine kranke Mutter und geht mit seiner Familie Pizza essen. Als am nächsten Morgen der Wecker klingelt, fährt er zu seiner Arbeitsstelle, schaut durch ein Fenster und drückt auf einen Knopf. Auf der anderen Seite baumeln Beine in der Luft. Heshmat ist Henker.

Nach diesem Schock schafft es Rasoulof, uns wieder ins Leben zurückzuholen. Der zweite Teil erzählt von Pouya (Kaveh Ahangar), der als junger Rekrut genötigt werden soll, einem Delinquenten mit der Schlinge um den Hals den Hocker wegzuziehen. Nach einer schlaflosen Nacht meutert Pouya und türmt. Vor der Kaserne erwartet ihn seine Freundin, und beide singen einen italienischen Schlager. Dieses Happyend ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Natürlich kippt die Stimmung wieder. Im dritten Teil besucht der Soldat Javad (Mohammad Valizadegan) seine Verlobte auf dem Land. Nach der Hilfe bei einer Hinrichtung hat er Sonderurlaub erhalten. Doch die Familie, zu der er kommt, ist in tiefer Trauer. Was ist passiert? Hier gelingt Rasoulof eine der erschütterndsten Szenen im Kino der vergangenen Jahre.

Im vierten Teil öffnet sich die Landschaft. Ganz offensichtlich bezieht sich Rasoulof hier auf Filme von Abbas Kiarostami – speziell auf „Der Geschmack der Kirsche“ und „Der Wind wird uns tragen“. Die in Deutschland lebende Darya (Baran Rasoulof, die in Hamburg wohnende Tochter des Regisseurs) besucht ihren Onkel auf dem Land, der als ehemaliger Arzt ein karges Leben als Bauer und Imker fristet. Auch er verbirgt ein düsteres Familiengeheimnis. Running Gag: Ständig muss Darya wegen des schlechten Handy-Empfangs auf einen Hügel gefahren werden, um mit ihrem Vater zu telefonieren – auch in der Originalfassung auf Deutsch.

Vier Episoden, vier sehr unterschiedliche Geschichten. Am Ende verbinden sich die Teile zu einer cineastisch-philosophischen Parabel über Unmenschlichkeit und Toleranz. Wie weit muss ein Mensch gehen, bevor er seine Integrität verliert, wie lange kann er sein Ego behaupten. Und wie viel Leid erträgt ein Mensch? Große Fragen in einem großen Film!

Trailer

ab12

Originaltitel

Sheytan vojud nadarad / There Is No Evil (Deutschland / Tschechische Republik / Iran 2020)

Länge

152 Minuten

Genre

Drama

Regie

Mohammad Rasoulof

Drehbuch

Mohammad Rasoulof

Darsteller

Ehsan Mirhosseini, Shaghayegh Shourian, Kaveh Ahangar, Alireza Zareparast, Salar Khamseh, Darya Moghbeli, Mahtab Servati, Mohammad Valizadegan, Mohammad Seddighimehr, Jila Shahi, Baran Rasoulof

Verleih

Grandfilm GmbH

Filmwebsite

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