Mit einer multiperspektivischen Erzählstruktur stellt Regisseur Brandt Andersen das Thema Flucht und den syrischen Bürgerkrieg beeindruckend als eine unaufhaltsame Kettenreaktion dar.
Als eine syrische Ärztin (Yasmine Al Massri) dazu gezwungen ist, ihr Land gemeinsam mit ihrer Tochter (Massa Daoud) zu verlassen, setzt das eine Kettenreaktion in Gang und bringt vier Unbekannte auf unerwartete Weise zueinander: ein Menschenschleuser (Omar Sy), der eigentlich nur versucht, seinen Sohn zu retten, ein Soldat (Yahya Mahayni) des Assad-Regimes, der mit seinem Pflichtbewusstsein hadert, ein Dichter (Ziad Bakri), der sich nach einem neuen Zuhause sehnt, und ein Kapitän der griechischen Küstenwache (Constaine Markoulakis), der zwischen Pflicht und Barmherzigkeit hin- und hergerissen ist. Sie alle tragen dazu bei, das Leben der Ärztin zu retten – und das vieler anderer Flüchtlinge.
Als DAS LOS DES FREMDEN im Februar 2024 auf der Berlinale lief, hat mich das Flüchtlingsdrama sofort in seinen Bann gezogen. Denn Autor und Regisseur Brandt Andersen erzählt seine Geschichte in starken, hochglanzpolierten Bildern. In Kritikerkreisen stand schnell die Frage im Raum: „Darf man das?“ Für mich habe ich die Frage mit einem klaren „Ja“ beantwortet, denn Hochglanzkino und Flüchtlingsdrama sollten sich nicht gegenseitig ausschließen. Wichtiger ist es doch, dass die Botschaft bei den Zuschauern ankommt: Es gibt bei solchen Themen kein Schwarz oder Weiß – schließlich hat jeder Mensch sein eigenes Päckchen zu tragen.
Andersen zeichnet seine Protagonisten daher auch nicht als eindimensionale Figuren, sondern gibt jedem eine gewisse Ambivalenz mit auf den Weg. Okay, vielleicht ist der Schleuser, der den ausbeuterischen Job offenbar nur wegen seines kranken Sohnes macht, nicht sonderlich tiefgründig, aber Andersen verzichtet in seinem Film immerhin auf eine Wertung.
Seine Geschichte erzählt DAS LOS DES FREMDEN zudem nicht gänzlich linear. Nach jeder Episode spult er die Zeit ein wenig zurück und erzählt uns die gerade erlebte Situation aus einer anderen Perspektive. Gerade das macht den Film so außergewöhnlich.
Einziger Wermutstropfen: Nach dem erfolgreichen Screening auf der Berlinale 2024 haben sich die christlich erzkonservativen Angel Studios den Film unter den Nagel gerissen und vereinnahmen ihn für ihre ideologische Agenda. Immerhin kommt der immer noch sehenswerte Film dadurch auch in die deutschen Kinos. Immerhin ohne die sonst typischen Spendenaufrufe am Ende des Films (siehe dazu unsere Kritik zu „Homestead“).
DAS LOS DES FREMDEN überzeugt gerade durch seine Erzählweise und die hochwertigen Bilder, auch wenn es sich um eine fiktionale Geschichte handelt. Doch Brandt Andersen zeigt, was passieren kann, wenn sich kleine Entscheidungen zu einer großen Veränderung addieren.
I Was A Stranger / A Stranger's Case (USA 2025)
108 Minuten
Drama
Brandt Andersen
Brandt Andersen
Jonathan Sela
Yasmine Al Massri, Yahya Mahayni, Omar Sy, Ziad Bakri, Constantine Markoulakis, Jason Beghe, Massa Daoud, Carlos Chahine, Ayman Samman, Thanos T okakis, Fares Helou, Jay Abdo, Mahmoud Bakri, Ward Helou, Saleh Bakri, Sara El Debuch, Angeliki Papoulia, Mayar Sawwan, Yumna Marwan, Serene Huleileh, Salah Hanoun, Baher Al Moudi, Aisha Khirfan, Nikolas Danikas, Viki Papadopoulou, Konstantinos Danikas, Grigoria Metheniti, Baeyen Hoffman, Majid Omar, T awfiq Mansour, Yousef Mansour, Waseem Khair, Basi Askar, Deema Shucair, Salma Flihan, Mohammad Shamout, Nour Bitar, Omar Mustafa Sharf, Janna Jaabari, Nader Abu Eitah, Tarek Khabbaze, Waddah Almilaji, Suliman Niang
Kinostar Filmverleih GmbH