Für das Regiedebüt seines Sohnes Ronan Day-Lewis kehrt Schauspiel-Legende Daniel Day-Lewis aus seinem Ruhestand zurück – doch ANEMONE entpuppt sich als vorhersehbares, aber dennoch eindrucksvolles Brüderdrama mit einer starken Bildsprache.
Nachdem ihre Kindheit von Gewalt, Strenge und religiösem Fanatismus geprägt war, haben sich die Brüder Ray (Daniel Day-Lewis) und Jem (Sean Bean) in komplett unterschiedliche Richtungen entwickelt. Nach einem traumatischen Vorfall in Nord-Irland desertierte der ehemalige Soldat Ray aus der britischen Armee und zog sich in eine abgelegene Hütte in den Wäldern Nordenglands zurück. Jem hingegen suchte Halt in seinem tiefem Glauben, und kümmerte sich um Rays Frau Nessa (Samantha Morton) und ihre Sohn Brian (Samuel Bottomley). Nach zwanzig Jahren führt eine familiäre Krise Jem dazu, seinen Bruder im Nirgendwo aufzusuchen, einem Ort, von dem er einzig und allein die Koordinaten kennt.
Dort angekommen herrscht erst einmal Stille. Man möchte glauben, dass es nach zwei Jahrzehnten Funkstille irgendetwas zu erzählen gibt, doch die beiden Männer ziehen es vor, sich erst einmal anzuschweigen. Erst langsam beginnt das Eis zu brechen, alte Wunden kommen ans Licht und die beiden sind gezwungen, sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen…
Kein Schauspieler hat bislang mehr Oscars als bester Hauptdarsteller gewonnen, als Daniel Day-Lewis. Ob für „Mein linker Fuß“, „There Will Be Blood“ oder „Lincoln“ – immer hat Daniel Day-Lewis alles für die Rolle in die Waagschale gelegt und wurde zu Recht ausgezeichnet. Über seine Herangehensweise an die Rollen und sein „Method Acting“ ist schon viel geschrieben worden, für den Schauspieler muss das erfüllend aber auch unfassbar anstrengend gewesen sein. 2017 verkündete er daher, seine Schauspielkarriere beenden zu wollen, da er sich von den Umständen des Berufs ausgehöhlt fühlte. Jetzt kehrt er tatsächlich wieder auf die große Leinwand zurück, in erster Linie natürlich, weil sein Sohn Ronan Regie geführt hat, mit dem er zusammen auch das Drehbuch verfasst hat.
ANEMONE fühlt sich tatsächlich an wie ein echter „Day-Lewis“: karg, mysteriös, unnahbar. Man könnte fast meinen, das Vater-Sohn-Duo möchte gar nicht, dass irgendwer einen Zugang zur Geschichte findet. So wirkt es zumindest über eine lange Strecke. Trotzdem fasziniert das arg reduzierte Kammerstück sowohl durch seine beiden Hauptdarsteller, als auch durch die phänomenalen Bilder, die Ronan Day-Lewis zusammen mit seinem Kameramann Ben Fordesman eingefangen hat.
Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die Familie Day-Lewis vielleicht begnadete Schauspieler und Regisseure hervorgebracht hat, aber eben keine guten Drehbuchschreiber. All die Vermutungen, die wir als Zuschauer sehr schnell angestellt haben, sollten sich am Ende bewahrheiten, Überraschungen sucht man hier leider vergeblich, auch wenn der Film scheinbar darauf zuarbeitet.
Als Charakterstudie eignet sich ANEMONE hervorragend, und auch aufgrund der starken Bildsprache lohnt sich ein Kinobesuch. Lediglich ein wenig mehr dramaturgische Beratung hätten sich die beiden Day-Lewis einholen können.
Anemone (Großbritannien / USA 2025)
125 Minuten
Drama
Ronan Day-Lewis
Ronan Day-Lewis, Daniel Day-Lewis
Ben Fordesman
Daniel Day-Lewis, Sean Bean, Samantha Morton, Samuel Bottomley, Safia Oakley-Green
Universal Pictures International Germany GmbH