Dem britischen Regisseur irischer Abstammung Martin McDonagh gelingt immer wieder, schwarzen Humor, absurde, durchgeknallte Komik, hintergründige Dramatik und unendliche Trauer in seinen Filmen zu vereinen. Wie schafft er es bloß, dieses ständige Wechselbad der Gefühle in uns zu erzeugen? Mit WILD HORSE NINE legt er wieder ein Meisterwerk vor – diesmal um eine bittere politische Ebene erweitert. Einen Agententhriller der etwas anderen Art.
Chile, 1973. Kurz vor dem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Allende-Regierung schickt ihr Büroleiter MJ (Steve Buscemi) die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) von Santiago auf die Osterinsel. Der Grund bleibt lange im Unklaren – doch offenbar will MJ vor allem den unzuverlässigen und an Gedächtnisstörungen leidenden Chris aus der Schusslinie nehmen. Denn der plant allen Ernstes, seine Memoiren zu veröffentlichen – und das bei seiner dunklen CIA-Vergangenheit. Angeblich war Chris auch am Kennedy-Attentat beteiligt…
Im Wartebereich des Santiago-Flughafens kommt Chris mit den beiden linken Studentinnen Monica (Mariana di Girolamo) und Alicia (Ailín Salas) ins Gespräch und erzählt ihnen freimütig, er sei von der CIA und plane, die chilenische Demokratie zu destabilisieren. Der entsetzte Lee kann gerade noch Schlimmeres verhüten, indem er behauptet, das seien nur Spinnereien eines alten Mannes.
Auf der Osterinsel angekommen, widmen sich die beiden Männer zunächst dem touristischen Pflichtprogramm: Sie bestaunen die monumentalen Steinstatuen mythischen Ursprungs, die sogenannten „Moai“, für die die Insel mitten im Pazifik berühmt ist. (Das erinnert sehr an Martin McDonaghs „Brügge sehen… und sterben?“, wo zwei Profikiller von ihrem Chef ins belgische Brügge abgeschoben werden und der von Brendan Gleeson gespielte Auftragsmörder ständig mit Reiseführer in der Hand durch die Stadt rennt.)
Lee hadert damit, dass seine Frau (Parker Posey) ihn mit einem (Ex-)Clown betrogen hat, und Chris versinkt im Morphiumrausch – er hat einen Gehirntumor im Endstadium und will auf der Insel sterben, was nur Lee weiß. Ihre Tage verbringen sie mit scheinbar belanglosen Dialogen – etwa mit der Frage, was demokratische Länder mit Schwulsein und Käse verbindet. Diese denkwürdige Szene wird garantiert in die Filmgeschichte eingehen!
Die beiden Studentinnen sind im selben Hotel abgestiegen – doch was ist ihr Geheimnis? In seiner Paranoia glaubt Chris, von einem roten Auto verfolgt zu werden, und beschießt es. Und er entscheidet sich, bis zu seinem nahen Tod nur noch die Wahrheit zu sagen. Er erzählt Monica von einem Fußballstadion voller Gefangener. Kann er in die Zukunft blicken? Dann meldet MJ seinen Besuch an – und auf der Straße liegt ein totes Wildpferd…
Für WILD HORSE NINE verfluche ich das Spoilerverbot. Denn was in der letzten halben Stunde passiert, übertrifft alle Erwartungen. Dieses sensationelle Kino-Finale ist nicht mehr von dieser Welt. Und immer bleibt uns im Hinterkopf, was am 11. September 1973 (!) passieren wird. (Ich selbst habe die Ereignisse damals als 22-jähriger linker Student im fernen Hamburg mitverfolgt.)
WILD HORSE NINE ist letzten Endes ein Film über eine Männerfreundschaft – voller Melancholie und Trauer. Und dabei trotzdem saukomisch. Ein magischer Film von einer magischen Insel: Rapa Nui! Der überragende John Malkovich spielt hier die Rolle seines Lebens – und wurde dafür in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Und zum Abspann erklingen die Rolling Stones. Nein, nicht „Wild Horses“!
Zwei CIA-Agenten auf der Osterinsel, eine dunkle Vergangenheit und die Frage, was am Ende eines Lebens bleibt: In WILD HORSE NINE verbindet Martin McDonagh seinen bitterbösen Humor mit einer Geschichte über Schuld, Vergänglichkeit und eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Beim Filmfest Hamburg haben wir mit dem Regisseur und Drehbuchautor von „Brügge sehen… und sterben?“ und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ über seinen neuen Film gesprochen.
Im Interview erzählt McDonagh, warum ihn Rapa Nui seit vielen Jahren als Drehort fasziniert und wie eng die Dreharbeiten mit den Verantwortlichen vor Ort abgestimmt waren. Dabei geht es auch um die besondere Wirkung der monumentalen Moai: Zwischen den steinernen Figuren erscheinen seine von John Malkovich und Sam Rockwell gespielten Agenten umso kleiner – zwei Männer, die weder ihrer Vergangenheit noch einander so leicht entkommen können.
Außerdem sprechen wir über die politischen Hintergründe von WILD HORSE NINE, die Rolle der CIA in Chile und die Herausforderung, schwarzen Humor mit Trauer und moralischen Abgründen zu verbinden. McDonagh erklärt, weshalb ihm die stillen Momente genauso wichtig sind wie die pointierten Wortwechsel – und warum ihn mit zunehmendem Alter weniger interessiert, ob seine Filme cool wirken, als ob sie etwas Tieferes berühren.
Wild Horse Nine (USA 2026)
117 Minuten
Thriller
Martin McDonagh
Martin McDonagh
Ben Davis, BSC
John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi, Mariana di Girolamo, Ailín Salas, Tom Waits, Parker Posey
Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH