Kalter Hund

17.09.2026

KALTER HUND von Pauline Roenneberg, die hier ihr fiktionales Kino-Debüt vorlegt, entpuppt sich als cleveres Drama, das von seinen figurengetriebenen Momenten lebt. Dass der Film über weite Strecken so packend bleibt, liegt vor allem an einer Darstellerin: Lea Drinda.

Irgendwie hatte Marianne (Corinna Harfouch) ja mit allem gerechnet, aber dass sich der Familienpatriarch Hermann ausgerechnet am Morgen seines 100. Geburtstags das Leben nimmt, gehörte nicht dazu. Doch die Show muss weitergehen, schließlich stehen in Kürze sowohl Verwandtschaft als auch die lokale Presse vor der Tür. Aber diese letzte Demütigung lässt sich Marianne nicht bieten, und so sieht sie sich zusammen mit ihrer Enkelin Fanny (Lea Drinda) dazu gezwungen, ein absurdes Schmierentheater zu veranstalten, das seinesgleichen sucht. Dennoch gilt es, das Bild der anerkannten Vorzeigefamilie zumindest noch an diesem Tag aufrechtzuerhalten. Und während die Leiche noch durchs Haus manövriert wird, entbrennt unter den Gästen bereits ein erbitterter Streit um das Erbe. Das nicht auffindbare Testament macht die Angelegenheit nicht gerade leichter, und so kommen nach und nach verdrängte Wahrheiten ans Tageslicht. Und als wäre das Chaos nicht schon groß genug, gipfelt das Zusammentreffen in einer Familienaufstellung mit einem exzentrischen Schamanen, bei der auch die letzten Masken fallen…

Beim Filmfest München 2026 war KALTER HUND für mich eine große Überraschung. Was sich auf dem Papier zunächst anhörte wie eine typische Familiengeschichte, wie man sie schon etliche Male auf der Leinwand gesehen hat, entfaltet sich als zutiefst schwarzenhumoriges Drama, das mich sofort in den Bann gezogen hat. Das lag, wie bereits eingangs erwähnt, vor allem an der Figur der Fanny, grandios gespielt von Lea Drinda. Statt auf laute Töne setzt sie auf ein tiefgründiges, fast schon unheimliches Understatement. Als Zuschauer spürt man durch ihre Blicke, ihre starre Körperhaltung und ihre knappen Antworten in jeder Sekunde, dass im Inneren ihrer Figur etwas gewaltig brodelt und sie diese Gefühle kontrolliert zurückhält. Das verleiht dem Film eine konstante Unterströmung von Spannung. Man wartet förmlich darauf, dass die Fassade bröckelt – und wenn die Emotionen schließlich aus ihr herausbrechen, entfaltet sich eine cineastische Wucht, die im Gedächtnis bleibt.

Allerdings hätte KALTER HUND auch durchaus ein wenig mehr Straffung gut getan. Gerade die übertriebene Familienaufstellung mit einem von Nils Bormann gespielten Schamanen zieht die Erzählung unnötig in die Länge und wirkt stellenweise deplatziert. Hier merkt man dem Film auch an, dass Roenneberg nicht mit einem ausgearbeiteten Dialogbuch gearbeitet hat, sondern die Dialoge auf der Basis eines sehr genau ausgearbeiteten Treatments durch Improvisation mit den Schauspielern erarbeitet hat. Dadurch verfällt der Film zumindest in diesem Teil in Muster, die eher anstrengen, als die psychologische Tiefe zu vertiefen.

Trotz der esoterisch bedingten Längen überzeugt KALTER HUND am Ende als sehenswertes und intensives Stück Kino. Getragen von einer brillanten Lea Drinda, deren schauspielerische Natürlichkeit den Film im Alleingang aufwertet, wirkt KALTER HUND noch lange nach.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Kalter Hund (Deutschland 2026)

Länge

130 Minuten

Genre

Drama / Komödie

Regie

Pauline Roenneberg

Drehbuch

Pauline Roenneberg, Britta Schwem

Kamera / Bildgestaltung

Bernd Effenberger

Darsteller

Corinna Harfouch, Lea Drinda, Victoria Mayer, Karoline Eichhorn, Thomas Mraz, Mai Duong Kieu, Niels Bormann, Jeremias Meyer

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

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