Mit ihrer überraschenden Wiedervereinigung haben OASIS nicht nur eine der größten Rock-Reunions der vergangenen Jahre ausgelöst, sondern auch alte Wunden wieder aufgerissen – bei den Gallagher-Brüdern ebenso wie bei ihren Fans. OASIS: DON’T LOOK BACK IN ANGER begleitet Liam und Noel Gallagher auf dem Weg zurück auf die Bühne und fragt zugleich, was von einer Band bleibt, wenn ihre Musik über Jahrzehnte hinweg zum Soundtrack unzähliger Leben geworden ist.
15 Jahre haben die OASIS-Brüder Liam und Noel Gallagher kein Wort miteinander geredet, nachdem sie nur Minuten vor einem Auftritt bei „Rock en Seine“ in Paris so sehr in Streit geraten sind, dass sie nicht nur den Auftritt abgesagt haben, sondern auch das Ende der Band verkündet haben. Erst 2024 fanden sie wieder zueinander und kündigten im August eine Reunion-Tour in Großbritannien und Irland an, die dann jedoch im Chaos und in heftigen Debatten über „Dynamic Pricing“ versank, bei dem der Anbieter je nach Nachfrage die Preise exorbitant steigen ließ. Nachdem sich der Trubel wieder etwas gelegt hatte, legte die Band im Herbst 2024 nach und kündigte weitere Konzerte weltweit an. Insgesamt spielten OASIS 41 Konzerte in 14 Ländern, darunter Shows in den USA, Kanada, Mexiko, Brasilien, sowie in Asien und Australien.
Nach einer kurzen Abarbeitung der Bandgeschichte steigt OASIS: DON‘T LOOK BACK IN ANGER mit den achtwöchigen Proben zur Tour ein. Dabei kreist am ersten Probentag (an dem Liam Gallagher noch fehlte) immer die Frage darum, wie lange es dieses Mal dauern würde, bis sich die Brüder wieder in einem Streit verlieren würden. Überstehen sie die Proben? Das erste Konzert? Die ganze Tour? Nun, inzwischen wissen wir, dass Letzteres der Fall ist.
Und so beginnen die Proben recht unspektakulär: Die Band spielt erste Songs an und die Musiker versuchen, sich an die damaligen Arrangements zu erinnern. Gar nicht so einfach nach einer solch langen Pause. Auch ein Streit bleibt aus, als Liam einen Tag später in der Probenhalle erscheint. Ein kurzes „Let‘s go“ und alle Bandmitglieder sind wieder mittendrin – als wäre ihr letztes Zusammentreffen erst vor Kurzem gewesen.
Die Bilder, die die Regisseure Will Lovelace und Dylan Southern eingefangen haben, sind in der Tat beeindruckend. Insbesondere die wuchtige Konzertatmosphäre fängt der Film perfekt ein. Eine typische Musikdoku würde sich jetzt von Konzert zu Konzert hangeln, doch OASIS: DON‘T LOOK BACK IN ANGER wählt eine andere Herangehensweise. Über einzelne Songs werden einige der Konzertlocations gezeigt, und der Film geht auf die Fans der jeweiligen Städte ein. Er erzählt Geschichten über Menschen und ihre Beziehung zur Musik von OASIS. Letztendlich ist es diese Menschlichkeit, die den Film so besonders macht – und in gewissem Sinne auch Liam und Noel Gallagher verändert. Die Erkenntnis, wie viel ihre Musik den vielen Fans bedeutet, lässt sie zur Einsicht kommen, dass sie Teil von etwas viel Größerem sind, als sie sich vorher hätten ausmalen können. Wie viel von dieser neuen Bruderliebe jetzt nur entstanden ist, weil die Kameras dabei waren, bleibt abzuwarten.
Und so ist der Titel des Films dann auch mehr, als nur der Titel eines ihrer großen Hits. Darin singt Noel Gallagher von einer Frau namens Sally, die am Ende ihres Lebens auf ihre Vergangenheit schaut, mit sich im Reinen ist und eben nicht im Zorn zurückblickt („at least not today“). Der Song ist eine Hymne auf das Akzeptierens, Loslassen und Vorwärtsschauen. Und in gewisser Weise tun die beiden Brüder nun endlich einmal das, was sie einst in ihrem eigenen Song verlangt haben, und blicken nicht mehr im Zorn zurück. Und genau das ist es, was Musik erreichen kann.
Bis auf wenige Songs war die Musik von OASIS nie so ganz nach meinem persönlichen Musikgeschmack. Und auch wenn OASIS: DON‘T LOOK BACK IN ANGER jetzt bei mir nicht das Bedürfnis geweckt hat, mich doch noch einmal mit der Diskografie der Band zu beschäftigen – dieser Einblick hat sich trotzdem mehr als gelohnt.
OASIS: DON’T LOOK BACK IN ANGER ist weniger ein Film über die Rückkehr einer Band als über die Menschen, die ihre Songs über Jahrzehnte hinweg begleitet haben.
Oasis – Don't Look Back In Anger (Großbritannien / USA 2026)
128 Minuten
Dokumentarfilm / Musik
Will Lovelace, Dylan Southern
Stephen Knight
Haris Zambarloukos
Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH