Spätestens seit ihren Filmen „Les Loups“ („Die Wölfe“, 2014) und „Antigone“ (2019), die beide auf dem Filmfest Hamburg begeistert gefeiert wurden – aber keinen deutschen Verleih fanden –, zählt Sophie Deraspe zu den bedeutendsten Regisseur:innen des frankokanadischen Kinos. Für ihren sechsten Spielfilm HIRTEN hat sich jetzt endlich ein deutscher Verleih („Film Kino Text“) für den Kinostart gefunden. Dieses poetische Aussteigerdrama verzichtet erfreulicherweise auf jede Art von Romantisierung und ist einer der schönsten Filme des Jahres.
Der Film basiert auf dem semi-autobiografischen Roman „D‘où viens-tu, berger?“ („Woher kommst du, Hirte?“) von Mathyas Lefebure, der auch gemeinsam mit Sophie Deraspe das Drehbuch schrieb. Für HIRTEN reiste die kanadische Regisseurin in die französischen Voralpen, um dort, wo Lefebure zehn Jahre seines Lebens verbracht hatte, ihren Film inmitten der grandiosen Natur zu inszenieren.
Nach einem stressbedingten Zusammenbruch lässt Werbetexter Mathyas (Félix-Antoine Duval) Montréal und seine Karriere hinter sich, um sich ohne Plan im Süden Frankreichs, genauer: in der Provence, wiederzufinden. Wie einst Vincent van Gogh sitzt er in Arles in einem Straßencafé und meditiert über seine Zukunft. Was er hier sieht, lässt ihn nicht mehr los: ein ruhiges Leben nah an der Natur, fern von der nervigen Zivilisation in Übersee und weit weg von den dämlichen Slogans seines ehemaligen Berufs.
Mathyas kommt auf die wahnwitzige Idee, Schafhirte zu werden. Er hofft, dabei Zeit zum Schreiben zu finden. Wie naiv muss man sein, zu glauben, dass das funktioniert? Was weiß er schon über diese für ihn so fremde Arbeit? Und vor allem: Wie gut kennt er sich mit Schafen aus?
Todesmutig streckt Mathyas seine Fühler aus. In einer Kneipe lernt er die einheimischen Schäfer kennen, die ihn zunächst spöttisch belächeln, ihm dann aber doch wichtige Tipps geben. Einer der Hirten erbarmt sich seiner und nimmt ihn mit auf seinen Hof. Vielleicht kann er ihn ja zu seinem Nachfolger ausbilden, denn er und seine Frau denken aus Altersgründen ans Aufgeben. Doch Mathyas versagt und wird entlassen. Auch bei seinem nächsten Arbeitgeber hat er Pech: Er muss in einem Verschlag leben und wird brutal ausgebeutet. Verzweifelt gibt er auf: War’s das mit seinem Traum?
Doch da erfährt er von dem Angebot, dass wildentschlossene Hirten gesucht werden, die einen ganzen Sommer lang auf einer abgelegenen Alm verbringen müssen – allein mit einem Hund und 800 Schafen. Auf dem Gemeindeamt hilft ihm die junge Beamtin Élise (Solène Rigot) beim Ausfüllen seines Arbeitsvisums – schließlich ist er Kanadier. Seine Geschichten voller Enthusiasmus über sein neues Leben in den Bergen wecken ihr Interesse, und sie deutet an, ihn vielleicht mal zu besuchen. Werden da zarte Bande geknüpft?
Höhepunkt von HIRTEN ist der Tag, an dem die riesigen Schafherden aus dem Tal auf die Almen getrieben werden – über befahrende Straßen und durch unzählige Dörfer. Endlich an seiner Almhütte angekommen, muss Mathyas feststellen, dass hier viel Arbeit vor ihm liegt, abgesehen vom Hüten der Schafe. Eines Tages kommt ihm Élise mit einem strahlenden Lächeln entgegen: Sie habe ihre Arbeitsstelle gekündigt und werde den Sommer an Mathyas’ Seite verbringen. Und die Liebe entbrennt…
Regisseurin Sophie Deraspe und Kameramann Vincent Gonneville fangen mit atemberaubenden Bildern dieses raue Leben hoch in den Bergen ein. Dabei verleugnen die beiden nie ihren semi-dokumentarischen Ansatz. Doch es passiert genug – frei nach Murphys Gesetz. Mathyas und Élise trotzen Regen, Kälte, Hunger, Schnee – und gierigen Wölfen. Sie müssen Zäune reparieren, entlaufene Schafe einfangen und tote Tiere einsammeln. Am Ende ist die Kasse leer. Es kommt der Tag der Verzweiflung: Das Liebespaar ist nur noch einen Schritt vom Aufgeben entfernt.
Sophie Deraspe zeigt diese Verzweiflung und die brutale Härte dieses entbehrungsreichen Lebens. HIRTEN beschönigt oder verklärt nichts. Aber der Film visualisiert die Schönheit hinter all dem. Hier erfüllen sich zwei Menschen einen Traum – und sind am Ende eins mit der Natur.
Ein Film zum Niederknien!
Bergers (Kanada / Frankreich 2024)
113 Minuten
Tragikomödie
Sophie Deraspe
Sophie Deraspe, Mathyas Lefebure, nach dem Roman "D'où viens-tu, berger?" von Mathyas Lefebure
Vincent Gonneville
Félix-Antoine Duval, Solène Rigot, Guilaine Londez, Michel Benizri, David Ayala, Véronique Ruggia Sa
Film Kino Text – Jürgen Lütz eK