Der Film der Woche

Un Poeta

12.03.2026

Regisseur und Drehbuchautor Simón Mesa Soto liefert authentisch ab mit einer Tragikomödie aus Kolumbien, in der es weder um Zwangsprostitution noch um Drogen-Kartelle geht. UN POETA erzählt von einem gescheiterten Schriftsteller, der als alkoholkranker Lehrer eine talentierte, unterprivilegierte Schülerin fördert, die eigentlich nur als Zeitvertreib malt und schreibt.

Der Dichter Óscar Restrepo (Ubeimar Rios) lebt zusammen mit seiner schwer kranken Mutter (Margarita Soto) in Medellín. Er zehrt immer noch von seinem früheren Erfolg als Poet. Zwei Bücher (oder eher Hefte) hat er als Jungspund veröffentlicht. Doch nun ist er arbeitslos und hat kaum Kontakt zu seiner Tochter Daniela (Allison Correa). Als leidender Künstler besäuft sich Óscar regelmäßig (Bukowski lässt grüßen), dann driftet er ab in geschwätzige Wortergüsse, die für uns Außenstehende schon komisch sind. Aber das Thema Alkoholismus wird in UN POETA wirklich ungewöhnlich echt behandelt. Óscar ist ein tragikomischer Held, der einem eigentlich die meiste Zeit nur leid tut. Wenn er trinkt, dann wird es wirklich widerlich!

Óscars Schwester Yolanda (Adriana Upegui) drängt ihn, sich einen Job zu suchen. Er werde andernfalls als Obdachloser enden, sollte die Mutter eines Tages sterben. Eher widerwillig fängt Óscar an einer Schule als Lehrer an. Morgens brüht er den Kaffee auf, den er in eine Thermoskanne gießt, on top wird Schnaps gekippt. Die Schüler bekommen das natürlich mit. Aber dann bemerkt Óscar, dass seine Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade) wohl lyrisches Talent hat. Er leiht sich ihr Heft mit Prosa aus, in dem das Mädchen aus einfachen Verhältnissen ihre Gedanken festhält – und um Zeichnungen ergänzt.

Im ortsansässigen Literaturverein wird Yurlady sogleich als großes Talent eingeschätzt, die unbedingt beim anstehenden Poesiefestival Medellíns für junge Literaten teilnehmen sollte. Óscar hat also in UN POETA eine neue Lebensaufgabe gefunden und hört sogar vorübergehend mit dem Trinken auf. Außerdem nähert er sich seiner Tochter an, der er auch bei Prüfungsvorbereitungen hilft. Als Mentor von Yurlady hat Óscar sein Leben scheinbar wieder im Griff, auch wenn er sich von der Teenagerin aus der sozialen Unterschicht und ihrer Familie schon ein wenig ausnutzen lässt. Das ist dann wirklich absurd komisch!

Óscar möchte also seinen eigenen, gescheiterten Traum durch die talentierte Schülerin verwirklichen, doch er fällt zurück in alte Muster. Der Alkohol ist halt immer in Reichweite. Auch Yurlady trinkt ein Gläschen Sekt nach der erfolgreichen Lesung. Dabei bleibt es natürlich nicht. Und Óscar tickt so richtig aus. Plötzlich stehen schwere Anschuldigungen im Raum. Eigentlich wollte der gescheiterte Künstler doch nur helfen…

Hier haben wir tatsächlich den Glücksfall, dass sich etwas authentisch anfühlt, aber über Laientheater hinausgeht: Satirisch ausgefeilt und mit präziser Beobachtungsgabe schildert Regisseur und Drehbuchautor Simón Mesa Soto in UN POETA eine absolut gefühlsechte Losergeschichte. Der melancholisch-peinliche Protagonist Óscar wird vom Laiendarsteller Ubeimar Ríos nahezu perfekt verkörpert. Ríos hat ebenso in den 1990ern mal ein Buch veröffentlicht. Der Mitte Fünfzigjährige ist im wahren Leben Dichter und Philosophielehrer an einem Gymnasium. Er organisiert zudem ein Poesiefestival und ist Mitglied einer Hardrock-Band.

Die ursprüngliche Idee zu diesem Film entstand aus meiner eigenen Frustration als Filmemacher. Ich war Mitte dreißig, als ich nach mehreren Jahren endlich meinen ersten Film drehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich mit der Realität meines Privatlebens konfrontiert. Ich komme nicht aus privilegierten Verhältnissen und da ich viele Jahre in meine Kurzfilme und meinen ersten Spielfilm investiert habe (mit sehr geringem Gewinn), hatte ich das Gefühl, dass meine Zukunft nicht gesichert war und ich mich vielleicht lieber ganz auf meinen anderen Job konzentrieren sollte. Ich bin seit mehr als 15 Jahren Professor, damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt.

Filmemacher Simón Mesa Soto über die ganz persönlichen Motive für die Geschichte

UN POETA ist nach „Amparo“ (2021), der seine Premiere im Rahmen der Semaine de la Critique in Cannes feierte und dort mit dem Louis Roederer Foundation Rising Star Award geehrt wurde, der zweite Spielfilm des Kolumbianers Simón Mesa Soto. Im Jahr 2014 hatte er für seinen Kurzfilm „Leidi“ dort die Goldene Palme gewonnen. Der Regisseur zeigt klar die Unterschiede der sozialen Klassen in seiner eigenen Heimatstadt Medellín. Óscar kommt aus der Mittelschicht, Yurlady aus einer unteren Schicht. Diese Spannung ist in Medellín sehr typisch, einer Stadt mit sehr ausgeprägten sozialen Gegensätzen. Simón Mesa Soto dazu: „In Lateinamerika ist Kunst häufig sehr politisch, sehr sozial, und ich wollte mit dieser Erwartung spielen: mit der Vorstellung, dass ein kolumbianischer Film bestimmte Themen auf eine bestimmte Weise behandeln müsse.“

Stilistisch überzeugt UN POETA im körnigen 16mm-Handkamera-Format, was Simón Mesa Soto wie folgt erklärt: „Ich suchte eine Ästhetik, die die Vergangenheit heraufbeschwört, weil Dichter:innen irgendwie aus einer anderen Ära stammen. Außerdem behandelt der Film bestimmte Dilemmata von Männern mittleren Alters, dieser Phase zwischen Jugend und Erwachsensein, in der man sich bereits veraltet fühlt. Ich bin 39 und befinde mich ebenfalls an diesem Punkt zwischen zwei Generationen. Manchmal lehne ich das Neue ab, manchmal das Alte. Es ergab Sinn, dass alles eine leicht überholte Textur hat. Auf 16mm zu drehen, half, dem Film einen 80er-Jahre-Look zu geben, körnig, rau, ein bisschen wie John Cassavetes. Wir wollten kein sauberes, glänzendes digitales Bild, sondern etwas Hässlicheres, Unvollkommeneres, das eine weitere ästhetische und emotionale Schicht hinzufügt. Und natürlich war es ein persönliches Vergnügen: Auf 16mm zu drehen ist für jede:n Filmemacher:in eine besondere Erfahrung.“

Die warmherzig-punkige Tragikomödie UN POETA feierte im Mai 2025 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere im Wettbewerb „Un Certain Regard“ – und wurde dort mit dem Jurypreis ausgezeichnet. Simón Mesa Sotos Film war außerdem Kolumbiens Kandidat für den Oscar als bester internationaler Film. Leider schaffte er es aber nicht in die Endauswahl. Auf dem Filmfest München Filmfest gab es zudem den CineCoPro Preis.

UN POETA ist ein wirklich dreckiger Film, der ein absolut authentisches Bild von Kolumbien zeichnet – und zum ernsthaften Nachdenken über die Bedeutung von Kunst anregt! Und Leute, Alkoholismus wird hier nicht glorifiziert, sondern der Protagonist wird geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben! Wo gibt es denn so etwas im zeitgenössischen Film? Siehe „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ oder „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ – da gehört Saufen leider zum guten Ton!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Un Poeta (Kolumbien / Deutschland / Schweden 2025)

Länge

123 Minuten

Genre

Tragikomödie

Regie

Simón Mesa Soto

Drehbuch

Simón Mesa Soto

Kamera / Bildgestaltung

Juan Sarmiento Grisales

Darsteller

Ubeimar Rios, Rebeca Andrade, Guillermo Cardona

Verleih

jip film & verleih GbR

Filmwebsite

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