In SCHWESTERHERZ von Sarah Miro Fischer portraitiert die Schauspielerin Marie Bloching mit äußerst viel Feingefühl eine junge Frau, die zwischen Loyalität und Verantwortung hin- und hergerissen ist.
Gerade erst hat sich Rose (Marie Bloching) von ihrer Freundin getrennt und ist vorübergehend zu ihrem älteren Bruder Sam (Anton Weil) gezogen. Sie teilen sich das Leben und den Alltag, bis Rose wieder auf eigenen Beinen steht. Doch dann flattert ein Schreiben der Staatsanwaltschaft ins Haus, in dem Sam ein schwerer Vorworf gemacht wird. Wie selbstverständlich steht Rose ihrem Bruder bei, fest davon überzeugt, dass er zu solch einer Tat gar nicht fähig ist. Doch mit der Zeit bekommt ihre Beziehung zu Sam Risse, und in Rose kommt die Frage auf, ob an den Anschuldigungen nicht vielleicht doch etwas dran sein könnte. Während das Leben um sie herum ganz normal weiterläuft, ist Rose hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu ihrem Bruder und dem Wunsch nach moralischer Integrität.
SCHWESTERHERZ war im vergangenen Jahr der erste Film, den ich im Rahmen der Berlinale gesichtet habe. Das ist erst einmal nichts Besonderes, allerdings hat mich der Film bis heute nicht mehr losgelassen. Wie die Autorin und Regisseurin Sarah Miro Fischer diesen innerlichen Konflikt ihrer Hauptfigur nach außen getragen hat, ist schlichtweg beeindruckend. Fischer ist mit Marie Bloching aber auch ein wahrlicher Besetzungs-Glücksgriff gelungen, denn dieser gelingt es, den Schwebezustand allein durch Mimik und Körperhaltung zum Ausdruck zu bringen. Dabei ist die Kamera von Selma von Polheim Gravesen immer ganz dicht an ihr dran und nimmt jede noch so kleine Regung war. Es ist fast so, als würde uns Marie Bloching eine winzige Tür zu ihrem Innersten öffnen und uns zur Teilhabe einladen.
Sarah Miro Fischer, die nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, war schon immer von Geschwisterbeziehungen fasziniert, wie sie in einem Statement zum Film gesagt hat. Die Idee zu SCHWESTERHERZ kam ihr während einer Demonstration zum Weltfrauentag. Dort weckte ein Banner mit der Aufschrift „Warum kenne ich so viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, aber keine Täter?“ ihre Aufmerksamkeit und ließ sie fortan nicht mehr los. „Solange wir Vergewaltiger als Monster bezeichnen, wird es uns nicht möglich sein, sie in unserer Mitte zu erkennen – als Freunde, Kollegen und Brüder. Je näher uns eine Person steht, desto schwieriger ist es, klar zu sehen“, so Fischer.
SCHWESTERHERZ erzählt die Geschichte aus der subjektiven Perspektive von Rose und offenbart uns erst nach und nach alle Zusammenhänge. Wir sind als Zuschauer immer nur so weit informiert, wie es auch Rose ist – oder vielmehr wie weit Rose die vermeintliche Realität an sich heranlässt. Gerade dieser Schwebezustand macht den Film so besonders, und wenn sich irgendwann die undeutlichen Hintergrundgeräusche in echte Wörter und Sätze verwandeln, dann sehen auch wir die Figuren, die wir im Laufe der Handlung kennen und lieben gelernt haben, aus einem anderen Licht. Und hinterfragen vielleicht unsere Einstellungen ihnen gegenüber – ganz so wie es der Figur der Rose widerfährt.
Mit SCHWESTERHERZ ist Sarah Miro Fischer ein leiser aber umso kraftvoller Film gelungen, der sich auf zwischenmenschliche Nuancen konzentriert, ohne dabei das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Chapeau!
Nach der Premiere auf der Berlinale lief SCHWESTERHERZ auch beim Internationalen Filmfest Emden-Norderney. Dort stand mir die Schauspielerin Marie Bloching Rede und Antwort. Wir sprachen nicht nur über den Film, sondern auch über ihre sensationelle Serie „Angemessen Angry“, sowie über den Drehbuchpreis des Festivals, bei dem sie in der Jury saß.
Schwesterherz (Deutschland / Spanien 2025)
95 Minuten
Drama
Sarah Miro Fischer
Sarah Miro Fischer, Agnes Maagaard Petersen
Selma von Polheim Gravesen
Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer,Jane Chirwa, Aram Tafreshian, David Vormweg
eksystent Filmverleih Kijas