Der deutsche Regisseur Christian Petzold liebt das Uneindeutige: Seine Filme changieren wie von Zauberhand zwischen allen Stilen und Genres. In seinem Meisterwerk „Roter Himmel“ (2023) verzahnte er die Schaffenskrise eines jungen Autors mit der realen Bedrohung durch einen Waldbrand. Sein neuer Film MIROIRS NO. 3 wirkt mit seiner irritierenden Aura einer Scheinidylle wie eine Mischung aus Psychodrama und Sommermärchen. Der Titel bezieht sich auf das Klavierstück „Une barque sur l’océan“ (Eine Barke auf dem Ozean) aus Maurice Ravels fünfteiligem Zyklus „Miroirs“, das im Film mehrfach zu hören ist.
Zu Beginn des Films sehen wir eine junge Frau mitten in der Stadt auf einer Brücke stehen. Über die Brüstung gebeugt starrt sie in die Tiefe. Es ist Laura (Paula Beer), die in Berlin Klavier studiert und offenbar in einer Lebenskrise steckt. Tage später überredet ihr Lebensgefährte sie zu einem gemeinsamen Wochenendausflug mit einem befreundeten Paar. Eher lustlos steigt Laura in das rote Cabrio ein. Auf der Fahrt kommen die vier an einem einsam gelegenen Landhaus vorbei, vor dem eine Frau (Barbara Auer) hingebungsvoll einen Holzzaun weiß anstreicht. Für einen kurzen Moment tauschen Laura und die Frau einen intensiven Blick aus. (Petzold liebt magische, rätselhafte Szenen wie diese.)
Am Ziel angekommen, will Laura sofort wieder zurück nach Berlin. Widerwillig erklärt sich ihr Freund bereit, sie zum nächsten Bahnhof zu fahren. Kurz nachdem das rote Cabrio auf der schmalen Landstraße hinter einer Kurve verschwunden ist, ertönt ein lauter Knall, und ein Vogelschwarm wirbelt auf. Das Auto liegt lädiert auf der Seite – neben sich der Fahrer mit zertrümmertem Schädel…
Hier verbeugt sich der Regisseur vor einem großen Film. In die „Die Verachtung“ (1963) von Jean-Luc Godard starben Brigitte Bardot und Jack Palance einen spektakulären Filmtod – in einem roten Cabriolet! Doch diesmal überlebt die Frau wie durch ein Wunder. Laura wurde beim Unfall aus dem Auto geschleudert und landete fast unverletzt auf der Wiese. Wie in Trance wankt sie zu einem nahegelegenen Haus, wo sie von Betty liebevoll in Empfang genommen wird: Es ist die gleiche Frau, die den Zaun angestrichen hatte. Das nennt man wohl Schicksal…
Der Notarzt kann bis auf ein paar Schrammen und den Schock keine schweren Verletzungen feststellen – ein Krankenhausaufenthalt sei nicht notwendig. Betty erklärt sich bereit, Laura in ihrem Haus zu pflegen, und Laura willigt ein. Bald lernt die junge Frau auch Bettys Mann Richard (Matthias Brandt) und den gemeinsamen Sohn Max (Enno Trebs) kennen. Die beiden Männer verbringen die meiste Zeit in ihrer heruntergekommenen Autowerkstatt und reparieren ansonsten im Haus alles, was kaputt ist. Und es geht viel kaputt – aber nicht jede Reparatur gelingt den beiden Kauzen.
Laura nimmt zunächst kaum wahr, dass Richard und Max sie beim ersten Aufeinandertreffen völlig entgeistert anstarren und betreten weggucken. Das Haus scheint ein dunkles Geheimnis zu verbergen – und die rätselhaften Ereignisse lassen sich bald nicht mehr ignorieren. Betty umsorgt Laura zwar liebevoll, aber ihre mütterlichen Gefühle werden immer aufdringlicher. (Kenner des Psychodrama-Genres werden die Pointe möglicherweise erahnen, aber MIROIRS NO. 3 wird auch bis zum Schluss kein Horrorfilm.) Und dann entdeckt Laura ein total verstimmtes Klavier, auf dem niemand spielt…
Als Betty Tage später Laura bittet, sich an das inzwischen von einem professionellen Klavierstimmer überholte Instrument zu setzen, passiert Petzold leider ein dämliches Regie-Maleur: Nachdem sich Laura minutenlang durch einen Wust von Notenbänden gewühlt hatte, wählt sie ein einzelnes Notenblatt aus und beginnt zu spielen: ausgerechnet Chopins Prelude Nr. 4 in e-Moll! Dieses extrem populäre Stück ist eines der einfachsten der Klavierliteratur und ist auch von Anfängern zu meistern. Warum soll also eine Musik-Studentin kurz von dem Examen genau dieses simple Werk spielen – und dazu auch noch nach Noten. Hier war der Regisseur schlecht beraten. (Sogar Jack Nicholson hat dieses Prelude in „Five Easy Pieces“ („Ein Mann sucht sich selbst“, 1970) im Film selbst aufgeführt.)
In MIROIRS NO. 3 beschreibt Christian Petzold die Sinnsuche einer verzweifelten jungen Frau und den Zerfall einer Kleinfamilie – eingebettet in eine Sommeridylle in der Uckermark. Und das alles erzählt der Regisseur, der auch das Drehbuch geschrieben hat, wunderbar subtil und voller Widerhaken – und vor allem in klaren, warmen Farben: das Blau des Himmels, das Grün der Wiesen, das Weiß des Zauns und das Rot des Cabrios. Mit einer überragenden Paula Beer in der Hauptrolle.
Miroirs No. 3 (Deutschland 2025)
86 Minuten
Drama
Christian Petzold
Christian Petzold
Hans Fromm
Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs
Piffl Medien GmbH