MASPALOMAS ist eine feinsinnige, melancholisch-warmherzige Tragikomödie, die das Thema Queerness und Selbstbestimmung im Alter mit erstaunlicher Offenheit und emotionaler Tiefe behandelt.
Erst mit Anfang 50 fand Vicente (José Ramón Soroiz) den Mut, seine Ehefrau und seine Tochter zu verlassen, um seine Homosexualität offen auszuleben. Ein Vierteljahrhundert später führt der mittlerweile 76-Jährige ein freies, erfülltes Leben im sonnigen Paradies von Gran Canaria – zwischen Strand, Partys und ungezwungenen Begegnungen in den namensgebenden Dünen von Maspalomas. Doch dann verändert ein plötzlicher Schlaganfall alles, und seine Tochter holt ihn nach San Sebastian zurück, wo Vicente in einem Pflegeheim untergebracht wird. Erneut muss er sein Leben neu beginnen. In der neuen, konservativ geprägten Umgebung holt ihn die alte Angst wieder ein: Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, versteckt Vicente seine Sexualität erneut und droht, zu dem einsamen, traurigen Mann zu werden, der er nie sein wollte. Erst sein forsch-lebendiger Mitbewohner Xanti (Kandido Uranga) rüttelt ihn wieder wach. Und so kämpft er weiter für seinen größten Traum: nach Maspalomas zurückzukehren.
Mit MASPALOMAS schaffen die baskischen Regisseure Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga vom Filmemacher-Kollektiv Moriarti ein faszinierendes menschliches Psychogramm. Im Mikrokosmos eines Pflegeheims prallen gesellschaftliche Konventionen auf menschliche Bedürfnisse. Dabei zeigen die Macher, wie sich die subtile Homophobie eines Systems auf die Betroffenen auswirkt. Da versichert die Pflegekraft zwar Toleranz, rät im gleichen Satz aber zur Diskretion, um die konservativen Bewohner nicht vor den Kopf zu stoßen.
Das Herzstück von MASPALOMAS ist zweifelsfrei José Ramón Soroiz. Er spielt den Protagonisten Vicente lebensfroh und zurückhaltend zugleich, greift dabei aber niemals auf die gängigen Klischees zurück. Wie er die schmerzhafte Resignation nach dem Schlaganfall zum Ausdruck bringt, ist extrem feinfühlig. Zu Recht wurde er im März 2026 bei den spanischen Goya-Awards als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.
Im Verhältnis des Vaters zu seiner Tochter gewinnt MASPALOMAS an zusätzlicher Tiefe. Ihre Wut darüber, dass Vicente sie und ihre Mutter damals für sein Coming-Out verlassen hat, konkurriert mit seinem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Während andere Filme eine solche Situation schnell in kitschiges Wohlgefallen auflösen, zeugt die Auseinandersetzung damit von emotionaler Reife.
Es gelingt MASPALOMAS aber auch das Wunder, dass wir seinen Pflegeheim-Mitbewohner Xanti (Kandido Uranga) trotz seiner oftmals homophoben Sprüche irgendwie ins Herz schließen – eine Figur, die viele übereilt abschreiben würden. Umso überraschender ist, dass gerade er zum Katalysator für Vicentes erneuten Aufbruch wird.
Getragen von einem herausragenden Hauptdarsteller verhandelt der Film schmerzhafte Fragen nach Identität, familiären Wunden und der unbändigen Lust am Leben, die auch im Alter nicht verblasst. Ein absoluter Geheimtipp für Fans des anspruchsvollen europäischen Kinos.
Maspalomas (Spanien 2025)
116 Minuten
Drama
Jose Mari Goenaga, Aitor Arregi
Jose Mari Goenaga
Javi Agirre Erauso
José Ramón Soroiz, Kandido Uranga, Zorion Eguileor, Nagore Aranburu, Kepa Errasti
Salzgeber & Co. Medien GmbH