Der Film der Woche

Das geträumte Abenteuer

24.09.2026

Spätestens seit ihrem Erfolg mit „Western“ (2017) wissen wir: Die in Bremen geborene Regisseurin Valeska Grisebach liebt das sperrige, hermetische Kino. Darauf muss sich der Zuschauer einlassen – und wird reich belohnt. Ihr neuer Film DAS GETRÄUMTE ABENTEUER zählt zu den Höhepunkten dieses Kinojahres – und ist unglaubliche 170 Minuten lang. Ich möchte keine dieser Minuten missen. In Cannes wurde das Drama mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.

Wie schon „Western“ spielt auch DAS GETRÄUMTE ABENTEUER in Bulgarien. Die Archäologin Veska (Yana Radewa) ist für ein Ausgrabungsprojekt in ihre Heimatstadt Svilengrad zurückgekehrt, in die Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Mit ihrem Team gräbt sie rund um eine abgelegene Burgruine auf der Suche nach Schätzen im Sand und ärgert sich jedes Mal bei der langen Anfahrt über die vielen Schlaglöcher auf der nur notdürftig geflickten Piste.

Überraschend trifft sie auf Said (Syuleyman Alilov Letifov), einen alten Bekannten aus den Rhodopen, den undurchsichtige Geschäfte nach Svilengrad geführt haben. Saids Auto ist gestohlen worden, und Veska lädt ihn ein, den Tag mit ihr auf der Ausgrabungsstätte zu verbringen. In den langen Gesprächen der beiden spüren wir, wie die alte Vertrautheit zurückgekehrt ist. Für Veska und Said ist dies ein glücklicher Tag. Doch am nächsten Morgen ist Said verschwunden.

Veska folgt den spärlichen Spuren und kommt hinter Saids Geheimnis: Er betreibt Benzinschmuggel und hatte sich dabei mit der örtlichen Mafia angelegt. Was hat Said mit Iliya (Stoycho Kostadinov) zu tun, dem mächtigen Mann im Hintergrund, bei dem alle Fäden zusammenzulaufen scheinen? Irgendwann fasst Veska den Mut und sucht den stinkreichen, undurchsichtigen und unheimlichen Mann auf. Doch was steckt hinter seiner höflichen Fassade? Und dann mischen sich auch noch Veskas Freundinnen ein…

DAS GETRÄUMTE ABENTEUER ist kein Mafia-Film. Es geht zwar auch um Gewalt im heutigen Bulgarien – doch nur am Rande. Der Film ist das Porträt einer entschlossenen Frau auf der Suche nach sich selbst. Und die Laiendarstellerin Yana Radewa spielt diese Figur schlichtweg grandios. Wir erfahren so einiges aus der Geschichte des Balkanlandes, ohne dass die Regisseurin, die gemeinsam mit Lisa Bierwirth auch das Drehbuch schrieb, dabei ins Didaktische abgleitet. In diesen 170 Minuten passiert nicht viel – doch das Wenige ist umso intensiver.

In meinen Augen verbeugt sich Valeska Grisebach – allein schon wegen des Titels – hier vor einem der größten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts und einem seiner wichtigsten Werke: Michelangelo Antonioni und „L’avventura“ (1960, „Das Abenteuer“; damals noch mit dem dämlichen deutschen Verleihtitel „Die mit der Liebe spielen“). Damals verschwand eine Frau im ersten Drittel des Films spurlos von einer Insel – und tauchte nie wieder auf, ohne dass das Verschwinden erklärt wurde. In DAS GETRÄUMTE ABENTEUER ist zwar alles ein bisschen anders – doch auch Valeska Grisebach liebt diesen Antonioni-Stil des Weglassens und Andeutens. Ein Film im Schwebezustand!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Das geträumte Abenteuer (Deutschland / Frankreich / Bulgarien / Österreich 2026)

Länge

170 Minuten

Genre

Drama

Regie

Valeska Grisebach

Drehbuch

Valeska Grisebach, Lisa Bierwirth

Kamera / Bildgestaltung

Bernhard Keller

Darsteller

Yana Radeva, Syuleyman Letifov, Stoicho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev, Denislava Yordanova, Tiana Georgieva, Hristo Dimitrov, Hristo Rumenov, Rosen Peevski, Zhivko Ahopov, Maria Ivanova, Alexander Rumenov, Galya Angelova, Anna Trichkova, Alexey Rumenov, Lyubomir Valchanov, Mihail Hristov, Tsvetana Hristova, Maria Dimitrova

Verleih

Piffl Medien GmbH

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