Der Film der Woche

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

11.12.2025

Schluffi Micha Hartung wird vom Videothekenbesitzer zum Volkshelden, der für die größte Massenflucht der DDR verantwortlich sein soll. Filmemacher Wolfgang Becker („Good Bye, Lenin!“), der kurz nach Ende der Dreharbeiten verstarb, liefert mit DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE nochmal Ostalgie pur!

Micha Hartung (Charly Hübner) staunt nicht schlecht, als dreißig Jahre nach dem Mauerfall der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) in seiner aus der Zeit gefallenen Videothek „The Last Tycoon“ im Prenzlauer Berg steht, weil der bei seiner Recherche in Stasi-Akten rausgefunden haben will, dass Micha 1984 mehr als hundert Menschen mit einer Ostberliner S-Bahn zur Flucht aus der DDR verholfen hat. Micha ist finanziell etwas klamm, steigt deshalb bei der Geschichte ein und ist bald DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, der die Titelseite des fakt.-Magazins ziert (was optisch dem „Spiegel“ nachempfunden ist).

Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Becker feierte seinen größten Erfolg mit „Good Bye, Lenin!“. Dass er, schon unheilbar an Krebs erkrankt, unbedingt noch DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE nach einem Roman von Maxim Leo verfilmen wollte, liegt nahe: Beide Werke lassen nicht nur die Geschichte der DDR nach dem Mauerfall wieder aufleben, sondern verdrehen auch nonchalant die Wahrheit. Becker ist am Ende der Tragikomödie sogar noch kurz als Schauspieler zu sehen.

Micha muss als Held wider Willen fortan aufpassen, was er sagt. In der Sendung „Mona am Abend“ darf er Kati Witt kennenlernen, die natürlich bei einem Ostalgie-Revival nicht fehlen darf. Im Publikum sitzt zudem die charmante Staatsanwältin Paula Kurz (Christiane Paul), die als Kind in dem Zug saß, den Micha angeblich in die Bundesrepublik Deutschland umgelenkt hat. Die beiden lernen sich kennen und es bahnt sich eine Beziehung an. Paula wirkt dabei immer wie eine Märchenfigur, die nicht wirklich greifbar ist.

Michas Tochter Natalie (Leonie Benesch) ist derweil überrascht von den bislang unbekannten Seiten ihres Vaters, den sie immer für wenig zielstrebig gehalten hatte. Reporter Landmann hat die Geschichte natürlich etwas aufgebauscht und Micha flunkert vor laufender Kamera „nicht das Politische, sondern die Liebe habe seine vermeintliche Heldentat motiviert“. Nun kann er keinen Rückzieher mehr machen!

Der Bundespräsident lädt Micha zum Essen ein und macht ihm ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann: Er soll am Mauerfall-Gedenktag eine Rede im Bundestag halten. Der ostdeutsche Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (herrlich altgestrig: Thorsten Merten) ist nicht erfreut, schließlich war er für die Rede fest eingeplant. Wischnewsky forscht nach und landet bei einem Stasi-Offizier (schön fies: Peter Kurth), der damals Micha verhört hat. Kommt die Wahrheit nun ans Licht oder kann Micha sein Lügengebäude aufrecht erhalten?

Becker (der das Drehbuch zusammen mit Constantin Lieb geschrieben hat) gibt seinen Figuren stets etwas Wahrhaftiges. Lebensnah wie schon bei „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997) dürfen wir teilhaben an dieser schier unglaublichen Geschichte, die am Ende noch einen Twist bekommt, der hier nicht verraten sei. DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE ist auch ein Schaulaufen von Darsteller:innen, die Becker schon zuvor in seinen Filmen besetzte: Mit Jürgen Vogel, Daniel Brühl und Christiane Paul sind seine Ziehkinder wieder mit von der Partie.

Wolfgang Becker hat vor seinem Tode noch die Rohfassung von DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE gesehen, fertiggestellt haben Produzent Stefan Arndt und Regisseur Achim von Borries (der von Anfang an involviert war, da sein Stil auch dem von Becker ähnelt) den Film dann in seinem Sinne. Becker hat uns zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken gebracht. Einer der großen deutschen Regisseure ist von uns gegangen. Und auch sein letztes Werk ist unbedingt sehenswert! Vor allem dem ostdeutschen Charakterdarsteller Charly Hübner („Mittagsstunde“, „Sophia, der Tod und ich“) scheint die Rolle des Micha auf den Leib geschrieben zu sein.

Trailer

ab6

Originaltitel

Der Held vom Bahhof Friedrichstraße (Deutschland 2025)

Länge

113 Minuten

Genre

Drama

Regie

Wolfgang Becker

Drehbuch

Constantin Liebe, Wolfgang Becker, nach dem Roman von Maxim Leo

Kamera / Bildgestaltung

Bernd Fischer

Darsteller

Charly Hübner, Christiane Paul, Leon Ullrich, Leonie Benesch, Thorsten Merten, Dirk Martens, Peter Kurth, Daniel Brühl, Eva Löbau, Jörn Hentschel, Lilli Fichtner, Claudia Eisinger, Leslie Malton, Bernhard Schütz, Katarina Witt, Annabelle Mandeng, Adisat Semenitzsch, Jürgen Vogel, Holger Handtke

Verleih

X Verleih AG

Filmwebsite

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