Biermann

29.10.2026

Zwei inzwischen sehr berühmte Personen übersiedelten Mitte der 1950er-Jahre aus ihrer Geburtsstadt Hamburg in die DDR, um später dort das kulturelle und politische Leben entscheidend zu beeinflussen – nach der Wende auch im vereinten Deutschland. Die eine kam als wenige Wochen altes Baby in die DDR und wurde 2005 Bundeskanzlerin – Angela Merkel. Der andere verließ als 16-Jähriger seine Heimatstadt, um als überzeugter Kommunist im „besseren“ Deutschland zu leben – Wolf Biermann. Deutschlands wohl bekanntester Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt. Schon jetzt kommt der zweistündige Dokumentarfilm BIERMANN von Jens Meurer in unsere Kinos.

Wir sehen zu Beginn den rüstigen alten Mann im Bademantel durch seinen Garten laufen und in Badehose in der Ostsee schwimmen. Wolf Biermann lebt mit seiner zweiten Frau Pamela in Hamburg-Ottensen und in seinem Ferienhaus in Neukirchen (bei Großenbrode). Regisseur Jens Meurer hatte das Glück, für seinen mit unglaublich viel Archivmaterial gespickten Film den perfekten Erzähler zu gewinnen: Biermann selbst.

Sein Vater Dagobert, Jude und KPD-Mitglied, arbeitete auf der Hamburger Werft Blohm+Voss. Er und seine Frau Emma erzogen ihren Sohn streng kommunistisch. Zunächst wurde Dagobert von den Nazis aus politischen Gründen verhaftet und dann 1943 als Jude in Auschwitz ermordet. Den Hamburger Feuersturm überlebten Mutter und Sohn in Hammerbrook nur durch einen beherzten Sprung in den brennenden Kanal.

Einer der eindringlichsten Momente im Film ist, wie Wolf Biermann seine einzige Begegnung mit seinem Vater beschreibt: Als kleiner Junge durfte er ihn im Knast besuchen. Wolf wollte seinen Vater mit seinen eigenen Sangeskünsten überraschen – ausgerechnet mit einem Nazi-Lied! Man spürt, wie peinlich dies Wolf immer noch ist – nach 85 Jahren…

Das Herz des Films bilden Ausschnitte des triumphalen Konzerts in der Kölner Sporthalle am 13. November 1976 und die prompte Reaktion der DDR-Führung einen Tag später: Kurzerhand verweigerte sie ihrem unbequemsten Mitbürger die Wiedereinreise in die DDR. Dieses Konzert rekonstruierte Wolf Biermann an gleicher Stelle im November 2025 – diesmal mit Freunden wie Campino und Wolfgang Niedecken.

Wie wurde Wolf Biermann eigentlich zum Liedermacher? Er studierte zunächst Politische Ökonomie, Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und war Regieassistent am Berliner Ensemble unter Helene Weigel. Seine damalige Freundin Brigitte Soubeyran überredete Wolf, der deutsche Georges Brassens zu werden. Brassens galt zu der Zeit als einer der berühmtesten Chansonniers Frankreichs. Und so griff Biermann zur Gitarre…

Nach anfänglichen Erfolgen wurden Biermanns Texte der DDR-Führung zu systemkritisch, und man zog die Reißleine: 1965 erhielt der Liedermacher Auftrittsverbot. Aber Biermann ließ sich nicht unterkriegen und machte in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 heimlich Tonaufnahmen, die auch in den Westen gelangten. So wurde Wolf Biermann auch in der Bundesrepublik immer populärer – als kritischer Sozialist. In einer der Schlüsselszenen von BIERMANN blickt der Hamburger im heutigen Berlin von der gegenüberliegenden Straßenseite zu den Fenstern seiner ehemaligen Wohnung hinüber. Dabei wird seine Nostalgie spürbar – aber auch die Erinnerung an die ständige Überwachung durch die Stasi.

In BIERMANN kommen auch Zeitzeugen wie Joachim Gauck und Armin Mueller-Stahl zu Wort. Der Film ist nichts weniger als ein Dokument deutscher Geschichte: vom Dritten Reich über die zwei Staaten auf deutschem Boden bis hin zur Wiedervereinigung – mit einem Mann im Mittelpunkt, der nie aufgab: Wolf Biermann. Doch eines wird bis zum Schluss nicht so ganz klar: die heutige politische Position des Hamburgers. Und eines hat auch Jens Meurer als Regisseur nicht verhindern können: BIERMANN ist letzten Endes die One-Man-Show eines unverbesserlichen Egomanen – mit zehn Kindern!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
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Originaltitel

Biermann (Deutschland 2026)

Länge

120 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Jens Meurer

Drehbuch

Jens Meurer

Kamera / Bildgestaltung

Sebastian Ganschow, Bernd Fischer

Verleih

Majestic Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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