Wie inszeniert man das Unfassbare? Der treffend betitelte Film GLAUBE wagt sich an eines der universellsten und zugleich streitbarsten Themen der Menschheitsgeschichte. Wo die Grenze zwischen tiefer Spiritualität und blindem Dogmatismus verläuft, ist seit jeher Verhandlungssache. Für Zuschauer, die der organisierten Religion ohnehin mit tiefem atheistischem Skeptizismus begegnen, wird dieses Drama zu einer handfesten intellektuellen Herausforderung – und das ist durchaus als Kompliment an das Filmemachen zu verstehen.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich die 17-jährige Ainara (Blanca Soroa) nicht wirklich von ihren Mitschüler:innen. Auch an ihrer katholischen Schule gibt es heimliche Trinkabende, bei denen so manches Unanständige gebeichtet wird. Der attraktive Chorpartner Mikel wiederum löst in Ainara immer mal wieder Herzrasen aus. Und doch wächst in ihr ein ganz ungewöhnlicher Wunsch: Sie fühlt sich zu Gott hingezogen und spielt mit dem Gedanken, für zwei Wochen in ein Kloster zu gehen – zur Probe halt.
Ihre Familie bringt dieser Plan jedoch bedenklich ins Wanken. Ihrem Vater Iñaki (Miguel Garcés) ist das Ganze herzlich egal – solange es nichts kostet. Ihre Tante Maite (Patricia López Arnaiz) hingegen reagiert entschieden ablehnend, denn für sie ist die Kirche nichts weiter als ein großer Haufen Lügner. Doch wie soll sie ihrer Nichte, die ihr seit dem Tod der Mutter wie eine eigene Tochter ans Herz gewachsen ist, das vermitteln? So setzt sie alles daran, Ainara von ihrem Vorhaben abzubringen.
GLAUBE besticht in seiner ersten Hälfte vor allem durch eine nüchterne Bildsprache, die das Thema angenehm unaufgeregt erschließt. Statt auf manipulative, weihevolle Musik oder kitschige Lichteffekte zu setzen, nähert sich die Kamera den Charakteren mit fast dokumentarischer Distanz. Das Ensemble trägt den Film über weite Strecken und macht die innere Zerrissenheit der Figuren glaubwürdig spürbar: Sie schwanken zwischen rationalem Zweifel und dem Wunsch nach transzendenter Geborgenheit. Hier gelingt dem Film das Kunststück, die Psychologie des Glaubens verständlich zu machen, selbst wenn man die zugrundeliegenden Dogmen als Außenstehender strikt ablehnt.
Die Krux liegt jedoch im letzten Drittel. Statt die aufgeworfenen Widersprüche zu vertiefen oder als unauflösbare Spannungen stehen zu lassen, weicht das Drehbuch ihnen zunehmend aus. Anstatt die inhärenten Widersprüche religiöser Systeme scharf zu kritisieren, flüchtet sich GLAUBE in eine narrative Bequemlichkeit, die das Phänomen Glauben stellenweise zu unkritisch als reines Trostpflaster romantisiert. Für ein skeptisches Publikum verpasst der Film hier den Moment, echte erzählerische Reibung zu erzeugen, und verharrt stattdessen in wohlwollenden Klischees.
Für Gänsehaut sorgt GLAUBE dennoch – etwa mit einer überraschenden Coverversion von Nick Caves „Into My Arms“. Doch selbst das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa in ihrem zweiten Spielfilm zwar äußerst genau beobachtet, die Konflikte am Ende aber eher beschwichtigt als zuspitzt und damit die Wirkung ihres Films abschwächt.
GLAUBE ist handwerklich solides und schauspielerisch stark besetztes Kino aus Spanien, das wichtige Fragen aufwirft, sich vor den radikalsten Antworten jedoch scheut. Wer einen analytisch-sezierenden Blick auf religiöse Strukturen sucht, wird phasenweise enttäuscht. Als filmischer Diskursbeitrag taugt das Drama dennoch, da es auch rational geprägte Zuschauer dazu zwingt, nicht nur den Glauben der anderen, sondern auch die eigene Skepsis zu hinterfragen.
Los Domingos (Spanien 2025)
117 Minuten
Drama
Alauda Ruiz de Azúa
Alauda Ruiz de Azúa
Bet Rourich
Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz, Miguel Garcés, Juan Minujín, Mabel Rivera, Nagore Aranburu
Leonine Distribution GmbH