Anatomie eines Falls

02.11.2023

Gerichtsfilme haben in der Geschichte des Kinos eine lange Tradition. Wer denkt da nicht an die Klassiker „Zeugin der Anklage“ vom Billy Wilder mit Charles Laughton und Marlene Dietrich oder „Die zwölf Geschworenen“ von Sidney Lumet mit Henry Fonda? Ich persönlich erinnere mich vor allem an die geniale John-Grisham-Verfilmung „Das Urteil – Jeder ist käuflich“ von Gary Fleder mit Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz und John Cusack. Doch warum wurde in diesem Frühjahr das zähe Gerichts-Melodram ANATOMIE EINES FALLS von Justine Triet bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet? Ich muss zugeben: Ich habe mich während der 151 (!) Minuten tierisch gelangweilt. Was hat die Cannes-Jury anders gesehen? Immerhin: Für ihre bravouröse Hauptrolle wurde die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller („Tony Erdmann“) beim Filmfest Hamburg mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt. Hut ab!

Nach erfolgreichen Jahren in London lebt die deutsche Schriftstellerin Sandra (Sandra Hüller) mit ihrem Mann Samuel (Samuel Theis) und dem gemeinsamen Sohn Daniel (Milo Machado Graner) in einem Chalet oberhalb vom französischen Grenoble. Bei einem von Samuel aus Unachtsamkeit in London verschuldeten Unfall wäre Daniel fast erblindet – jetzt muss die Familie mit diesem Dilemma klar kommen. Samuel lebt künstlerisch zweigleisig: Literatur und Musik haben bei ihm den gleichen Stellenwert. Als Sandra Besuch von einer Journalistin bekommt, wird das Interview von unerträglichen Geräuschen gestört. Samuels laute Musik ist kaum zu ertragen. Kurz danach liegt der Mann nach einem Sturz vom Balkon tot im Schnee – und Sandra wird wegen Mordes angeklagt.

Gemeinsam mit ihrem Verteidiger Vincent (Swann Arlaud) entwickelt Sandra eine Strategie. Konnte es ein Unfall oder ein Selbstmord sein? Nach und nach kommen diverse Aspekte ihrer Beziehung ans Licht, die das Ganze nicht unbedingt gut für Sandra aussehen lassen…

Die grandiose Sandra Hüller muss in ANATOMIE EINES FALLS zweisprachig agieren – englisch und französisch (deutsch redet sie in keiner Sekunde). Doch warum der Aufwand? Die Gerichtsszenen hat die Regisseurin Justine Triet ziemlich steril inszeniert – da bleibt die Spannung total außen vor. Schade! Auch wenn Daniel am Ende noch seinem großen Auftritt bekommt, verpufft das Finale im Nichts – und wir Kinozuschauer fallen in ein tiefes Loch. Das muss nicht sein!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Anatomie d'une Chute (Frankreich 2023)

Länge

151 Minuten

Genre

Drama

Regie

Justine Triet

Drehbuch

Justine Triet, Arthur Harari

Darsteller

Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Antoine Reinartz, Samuel Theis, Jehnny Beth, Saadia Bentaïeb, Camille Rutherford, Anne Rotger, Sophie Fillières

Verleih

Plaion Pictures GmbH

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