In den vergangenen Jahren stand schon zweimal ein Haus im Zentrum einer Jahrhundert-Chronik: In „Here“ (2024) erzählte Robert Zemeckis in nur einem einzigen Raum (!) die Geschichte der USA im Stil einer theatralisch-prätentiösen Parabel. In dem überragenden filmischen Kunstwerk „In die Sonne schauen“ (2025) zeigte uns Mascha Schilinski das Leben auf einem Vierkanthof in der Altmark im Verlauf von 100 Jahren als eine symbolhaft überhöhte Traumvision. In HEIMSUCHUNG – EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE blättert nun Volker Schlöndorff in der deutschen Vergangenheit. Ort des Geschehens: ein Haus am See.
Mit seinen 87 Jahren hat sich Volker Schlöndorff noch einmal auf den Regiestuhl gesetzt. Als Vorlage für sein eigenes Drehbuch diente ihm der gleichnamige Roman von Jenny Erpenbeck. Dieses Buch sorgte bei seinem Erscheinen 2008 weltweit für eine literarische Sensation. Die 1967 in Ost-Berlin geborene Schriftstellerin verwendet hier archetypische, meist namenlose Figuren, um die Geschichte Deutschlands zu erzählen: von der Weimarer Republik bis in die
Nachwendezeit. Zu den Figuren gehören: der Architekt, die Frau des Architekten, der jüdische Tuchfabrikant, die Schriftstellerin, die Enkelin der Schriftstellerin (als Alter Ego von Jenny Erpenbeck), die Umsiedlerin und der (alterslose, stumme) Gärtner.
In den 1920er-Jahren teilt ein Großbauer (Detlev Buck), ein direkt am Ufer des „Märkischen Meeres“ (gemeint ist der brandenburgische Scharmützelsee in der Nähe von Berlin) gelegenes Grundstück in zwei Parzellen auf und verkauft diese, um sich an seinen „missratenen“ Töchtern zu rächen. Auf der einen baut der ziemlich arrogante Architekt (Lars Eidinger) für sich und seine zweite Ehefrau (Susanne Wolff) ein modernes Holzhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit. Nebenan errichtet der jüdische Tuchfabrikant (Ulrich Matthes) ein Badehäuschen, das vor allem von seiner Enkelin gern genutzt wird. Im Laufe des Films schlüpft dieses Mädchen mit ihren Briefen und Tagebüchern in die tragische Rolle einer Art Anne Frank.
Zu Beginn des Dritten Reiches muss der Fabrikant aus Deutschland flüchten und dem Architekten seine Hälfte zu einem Spottpreis verkaufen. Doch seine Enkelin und ihre Eltern warten zu lange mit der Flucht – und werden nach Auschwitz deportiert. Derweil scheitern die ehrgeizigen Pläne des Architekten, an der Seite von Nazi-Architekt Albert Speer ein neues Berlin zu errichten.
1945 flieht der Architekt vor den anrückenden Russen nach Berlin, während sich seine Frau in einem Geheimzimmer des Hauses versteckt. Als ein Rotarmist sie dennoch entdeckt, entgeht sie einer Vergewaltigung, indem sie den Spieß umdreht. (Eine irritierende Szene.) Nach anfänglichen Erfolgen in der DDR fällt der Architekt Mitte der 1950er-Jahre in Ungnade und flieht mit seiner Frau in den Westen.
Nach ihrer Rückkehr aus dem Moskauer Exil zieht die gefeierte DDR-Schriftstellerin (Martina Gedeck) und überzeugte Kommunistin in das Haus ein. Ihre Enkelin (Asta Willmine Winkler, Romy Miesner, Sara Bartknecht, Maria Matschke Engel in den verschiedenen Altersstufen) übernimmt ab jetzt die Rolle der Chronistin. (Vorbilder für diese beiden Figuren sind natürlich Jenny Erpenbeck und ihre Großmutter Hedda Zinner.) Dann kommt der Mauerfall, und aus dem Westen meldet eine Erbengemeinschaft des Architekten Besitzansprüche an…
Für diese filmische Reise durch ein deutsches Jahrhundert reichen Volker Schlöndorff 121 Minuten. Kein Wunder, dass vieles nur angedeutet wird. Manche Episoden verlaufen im Sande, andere bleiben in der Luft hängen. Da das Haus am See der einzige Schauplatz ist, wirken die eingestreuten Dokumentaraufnahmen (das zerstörte Berlin, Willy Brandt im Bundestag, der Mauerfall) wie Fremdkörper. Der Regisseur hatte ein gut aufgelegtes Starensemble an seiner Seite, und Kameramann Axel Schneppat findet immer wieder poetische Bilder dieser idyllischen Landschaft in Brandenburg. Doch eine „Jahrhundertgeschichte“ ist HEIMSUCHUNG nicht. Schade!
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte (Deutschland 2026)
121 Minuten
Drama / Historie
Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff, nach dem Roman von Jenny Erpenbeck
Axel Schneppat
Martina Gedeck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Detlev Buck, Michael Maertens, Maria Matschke Engel, Angela Winkler, Josefin Platt, Ludwig Trepte, Matthias Hungerbühler, Stella Denis-Winkler, Ava Weisbrod, Pelle Bo Winkler, Wigand Witting, David Bennent, Nina Lilith Völsch, Sara Bartknecht, Romy Miesner, Asta Willmine Winkler, Sean Douglas, Camille Moltzen, Yvon Moltzen
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