Es gibt Fernsehmomente, die sich nachträglich kaum noch ertragen lassen. „To Catch a Predator“ machte die Überführung mutmaßlicher Sexualstraftäter zur öffentlich zelebrierten Demütigung — und verwandelte moralische Empörung in Quote. Lance Oppenheims PRIMETIME blickt auf dieses verstörende Medienphänomen zurück.
USA, Mitte der 2000er-Jahre: Der Investigativjournalist Chris Hansen (Robert Pattinson) ist das Gesicht von „To Catch a Predator“, einem Reality-Format, das mutmaßliche Sexualstraftäter mithilfe vermeintlicher Teenager in ein präpariertes Haus lockt. Im entscheidenden Moment tritt Hansen aus dem Schatten, liest Chatprotokolle vor und liefert die Männer dem voyeuristischen Blick eines Millionenpublikums aus. Was als moralischer Kreuzzug beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer Machtmaschine.
Während Hansen von dämonischen Visionen heimgesucht wird, verlangen Publikum und Sender nach immer spektakuläreren Fällen. Die Suche nach dem ultimativen „Wal“ — einem prominenten Täter — führt ihn und sein Team gegen die Einwände seiner Produzentin Andie (Merritt Wever) ins konservative Texas. Was dort geschieht, wird die Fernsehwelt für immer verändern.
PRIMETIME ist kein typisches Biopic, nein, daran waren Regisseur Lance Oppenheim und Drehbuchautor Ajon Singh eher weniger interessiert. So nahmen sie vorab auch keinen Kontakt zum echten Chris Hansen auf, der sich zwischenzeitlich vom Projekt distanziert hat. Der Film ist vielmehr daran interessiert, wie sein Protagonist letztendlich an seiner eigenen Doppelmoral scheitert. Während sich Hansen mehr und mehr als oberster Moralapostel inszeniert, entfernt er sich mehr und mehr von seinem Publikum.
Genau darin liegt allerdings auch das Problem des Films. Oppenheim ist deutlich stärker daran interessiert, einen visuell berauschenden Fiebertraum auf die Leinwand zu bringen, als die Mechanismen hinter Hansens Format wirklich zu durchdringen. Die grotesk überhöhten Verhaftungen mögen die Absurdität dieses Fernsehspektakels betonen, bleiben aber oft bloße Oberfläche. Die ethischen Fragen nach öffentlicher Demütigung, Voyeurismus und der Umwandlung von Strafverfolgung in Unterhaltung streift PRIMETIME eher, als dass er sich ihnen ernsthaft stellt.
Die Dokumentation „Predators“ (2025) setzte sich bereits mit Chris Hansen und „To Catch a Predator“ auseinander, wählte aber einen wesentlich direkteren Zugang. Anhand von Archivmaterial und eines Interviews mit Hansen dekonstruiert sie dessen Saubermann-Image und legt offen, wie eng angeblicher Kinderschutz, mediale Selbstinszenierung und das Bedürfnis nach Kontrolle in seiner öffentlichen Figur miteinander verbunden waren. PRIMETIME deutet diese Widersprüche zwar an, findet jedoch nie zu einer vergleichbar präzisen Analyse.
Auch der private Skandal, der Hansen schließlich zu Fall brachte, wirkt innerhalb der Inszenierung erstaunlich nebensächlich. Oppenheim setzt auf Halluzinationen, groteske Zuspitzungen und eine zunehmend entrückte Bildsprache, wo eine konsequentere Auseinandersetzung mit Hansens Machtmissbrauch nötig gewesen wäre. PRIMETIME hat einen hochspannenden Stoff, verliert sich jedoch zu oft in seiner eigenen Fiebertraum-Ästhetik. Dass der Film trotzdem nicht völlig ins Leere läuft, liegt vor allem an Robert Pattinson, der Hansen als einen Mann spielt, dessen Selbstgewissheit langsam in Kontrollverlust umschlägt.
Primetime (USA 2026)
110 Minuten
Biographie / Drama / Krimi
Lance Oppenheim
Ajon Singh
David Bolen
Robert Pattinson, Merritt Wever, Anna Faris, Skyler Gisondo, Bokeem Woodbine, Jessica Hecht, Jonathan Lipnicki. Tony Revolori, Phoebe Bridgers
Leonine Distribution GmbH