Der Film der Woche

Die Odyssee

16.07.2026

Christopher Nolan kehrt verlässlich alle drei Jahre auf die Kinoleinwand zurück, um von Männern zu erzählen, die das Schicksal zu weit herausgefordert haben. Nach dem Kampf gegen die Zeit und der Erfindung der Atombombe schaltet er nun noch einen Gang höher und erzählt mit DIE ODYSSEE die vielleicht größte Geschichte aller Zeiten. Das ist beeindruckend, mitreißend und wohl all das, was man sich heutzutage von einem Blockbuster wünscht. Doch gerade dort, wo Nolans Film am eindrucksvollsten wird, zeigt sich auch sein Grundproblem: Er will Homers Mythos zugleich als psychologisches Kriegsdrama, realistische Geschichtserzählung und übernatürliches Großspektakel begreifen. Diese Deutungsansätze schließen einander nicht aus, geraten hier aber immer wieder in Konkurrenz.

Sag mir, Muse, die Taten des / vielgewanderten Mannes, /
Welcher so weit geirrt, nach der /
Heiligen Troja Zerstörung, /
‚Vieler Menschen Städte gesehen, und /
Sitte gelernt hat, /
Und auch auf dem Meere so viel’ /
Unnennbare Leiden erduldet, /
Seine Seele zu retten, und seiner
Freunde Zurückkunft

So beginnt das Epos DIE ODYSSEE in Homers Original. In 24 Gesängen erzählt der griechische Dichter von den Nachwehen des trojanischen Krieges, von der langen Heimfahrt des Odysseus mit seinen zahlreichen Verirrungen und von der Frage, ob man das Schicksal überlisten kann. Das ist nicht nur Weltliteratur, sondern auch einer der wichtigsten und einflussreichsten Texte aller Zeiten. Ungezählt sind die Einflüsse der Dichtung auf die größere Popkultur. Egal ob per Europa-Hörspielkassette, nachgespielt mit Harald-Schmidtschem Playmobil oder gemeinsam mit Donald Duck, Spongebob Schwammkopf oder Leopold Bloom: Wir alle kennen diese Geschichte, die zu den Stützpfeilern des Erzählens an sich zählt.

Wohl ist es etwas still geworden um diese Sagen der antiken Helden. In den 50ern und 60ern konnten Kinozuschauer:innen mit Ray Harryhausen die Abenteuer von Herakles, Jason und den Argonauten und auch Odysseus mitverfolgen. Wolfgang Petersen versuchte sich 2003 Mit „Troja“ an einer Blockbusteradaption des Ilias, dem Vorgänger der „Odyssee“. Klar im Fahrwasser der „Herr der Ringe“-Filme entstanden, strich er die Götter aus der Erzählung und machte den Stoff sicherlich anschlussfähiger für die Generation Internet, beraubte ihn dadurch auch einiges seiner Epik und Tragik. Doch gerade dies ist ja der Reiz dieser übergroßen Stoffe um Romeo und Julia, Faust oder eben die griechischen Götter. Sie sind so offen in ihren Deutungen, so allumfassend in der Conditio humana, dass sie für jede Generation neu erzählt werden können.

In den 2020er-Jahren erlangten die „feministischen“ Rekontextualisierungen von Figuren wie Kirke durch Madeline Miller große Popularität. Wer sich für dieses höchst interessante Thema interessiert, dem sei das fundierte und denkanregende Videoessay „The Problem with Greek Myth Retellings“ empfohlen.

Was passiert also nun, wenn sich Christopher Nolan, einem der letzten Publikumsmagneten, diesem Stoff annimmt?

Troja ist gefallen. Das ist nun sieben Jahre her, einige Helden sind bereits in ihre Heimat gekehrt. Nur Ithakas Herrscher, der listenreiche Odysseus (Matt Damon) mit seinen Männern (u.a. Hamish Patel), bleibt verschollen. Nun, mehr als 20 Jahre nachdem der Thron vakant geworden ist, Gattin Penelope (Anne Hathaway) muss sich den immer dreister werdenden Freiern (u.a. Robert Pattinson) zur Wehr setzen. Sohn Telemachos (Tom Holland) startet einen letzten Versuch, Neuigkeiten über den Verbleib seines Vaters einzuholen. Menelaos (Jon Bernthal), dessen Gattin Helena (Lupita Nyong’o) der Auslöser dieses Krieges war, hat eventuell Informationen über Odysseus‘ Schicksal. Telemachos macht sich auf seine ganz persönliche Heldenreise.

Parallel erlangt ein sichtlich gealterter Odysseus auf der Insel Ogygia an der Seite von Kalypso (Charlize Theron) langsam seine verdrängten Erinnerungen zurück. Wie er mit seinen Mannen manch Sturm und Wellengang trotzte, wie sie dem Zyklopen Polyphemus (Bill Irwin) entwischten, der Hexe Kirke (Samantha Morton) begegneten, in den Hades hinabstiegen und Skylla und Charybdis trotzten. Immer an ihrer Seite: Göttin Athene (Zendaya).

Nolans Filme handelten stets von kleinen und großen Männern auf ihrer Suche nach der Erleuchtung oder der Wahrheit, die beim Kampf gegen das Böse irgendwann eine Schwelle übertraten und jetzt nach Absolution und Erlösung strebten. Es sind damit schon immer archetypische Geschichten gewesen, die der Brite erzählt hatte, Geschichten von Männern, die so gerne wieder „nach Hause“ kehren würden, was auch immer dies bedeuten mag. Es ist also nicht verwunderlich, dass er sich DIE ODYSSEE als nächsten Stoff ausgesucht hat. Die lange, metaphorische wie leibhaftige Heimatfahrt steckt bereits im Urtext, Nolan erweitert die Erzählung zudem um Rückblenden zur Belagerung und Zerstörung Trojas, die in ihrer Drastik allerdings etwas mehr an Vergil als an Homer erinnern.

Odysseus als gebrochenen Helden mit posttraumatischer Belastungsstörung anzulegen, der schwer mit all den Menschenleben hadert, die er auf dem Gewissen hat, ist sicherlich eine sehr zeitgenössische Interpretation des Mannes. Der Fokus des Films liegt weniger auf dem Auftürmen von Heldentaten als auf der ellenlangen (oder in diesem Fall Filmrollenlangen) Ausdeklinierung der Erkenntnis, dass es so etwas wie gerechte Kriege nicht gibt, dass der Tod plötzlich kommt und wenig ruhmreich ist und das hinter jeder schwärmerischen Zeile, die der Barde (Travis Scott) beim Bankett singt, Blut und zerstörte Städte liegen.

Interessant ist Nolans Überbetonung des Endes einer Ära, das die Figuren hier selbst mitgestalten. Mit dem Fall Trojas ist die „alte Welt“ mit ihrem „Anstand“, oder eher dem „Gesetz des Zeus“ überholt, eine Grenze wurde übertreten, man kann nicht mehr zurückgehen. In Zeiten des Ukrainekriegs (nicht umsonst emuliert die Kamera beim Flug über die brennende Stadt eine Drohnenperspektive), von Gaza und dem Irakkrieg sind dies nachvollziehbare Botschaften und man verzeiht Nolan, dass, wie in seinen Drehbüchern üblich, Ideen nicht bloß bebildert, sondern gerne ein drittes oder viertes Mal laut ausgesprochen werden müssen. Störend wirkt dies lediglich, wenn wirklich jedes Symbol der Odyssee ausbuchstabiert werden muss.

Zu den in der Forschung am häufigsten behandelten Figuren dürfte die Hexe Kirke zählen: Sie tritt bereits in der Argonautensage prominent auf und darf in einer der eindrucksvollsten Passagen des Homerschen Epos „Odyssee“ Männer in Schweine verwandeln. Das Bild spricht eigentlich für sich. Und der Film zaubert hier auch eine erinnerungswürdige, grotesk-horrorfilmartige Sequenz auf die Leinwand, bei der man sich, wie so häufig in den drei Stunden im Kinosaal, fragt: Wie haben sie das gefilmt. Doch kaum hat der Film diesem Bild seine ganze groteske, körperliche Wucht verliehen, misstraut er ihm auch schon wieder. Im anschließenden Dialog erklärt Kirke, sie habe Odysseus’ Männer in ihr „wahres Antlitz“ verwandelt – und macht damit explizit, was die Szene längst mit größerer Kraft gezeigt hatte.

Gerade hierin zeigt sich Nolans Dilemma: Seine großen Monologe dürfen ambivalent, pathetisch und fatalistisch sein; seine stärksten Bilder jedoch werden mitunter behandelt, als müsse man ihre Bedeutung zusätzlich absichern. Doch ist ersteres irgendwo noch mit der dramatischen Tradition des Monologs erklärbar, wirkt Letzteres eher wie der große Textmarker, der in der der Königs-Erläuterungen-Ausgabe die wichtigsten Interpretationsansätze hervorhebt, um sie dann, etwas willkürlich, ins Arbeitsheft zu schreiben. Denn man ist sich sofort sicher: Nolan wird sich tief eingearbeitet haben in den Stoff, wird aktuelle wie klassizistische Forschung rezipiert haben und eben ALLES in seine häufig etwas abstruse Definition von filmischen Realismus gezwängt haben.

Nolans Adaptionsideen sind dabei oft brillant. Er rafft an den richtigen Stellen, verleiht seinen Figuren psychologische Tiefe und macht den Stoff für moderne Erzählkonventionen anschlussfähig. Zugleich kostet ihn sein Realismus aber gerade jene Ambivalenz, aus der die Tragik der „Odyssee“ entsteht. Kalypso bleibt zwar Teil des Films, doch ohne die göttliche Perspektive verliert ihre Figur ihren schmerzhaften Sonderstatus. Auch Penelope wird um die finale Prüfung gebracht, mit der sie Odysseus als den heimkehrenden Fremden erkennt und zugleich herausfordert. Nolan möchte die Geschichte offenbar vom Wunderbaren befreien, ohne auf dessen ikonische Bilder verzichten zu wollen. Genau darin liegt die Spannung, die der Film nie ganz auflöst: Entweder folgt man der Logik eines psychologischen Kriegsheimkehrerdramas – oder man wagt sich vollständig in eine Welt der „Apparent Magic“, in der Götter mit Menschenleben Würfel spielen. Vielleicht kann man DIE ODYSSEE nicht erzählen, wenn man nicht an die Erlösung glaubt, sondern nur an das Vergessen.

Natürlich ist DIE ODYSSEE ein beeindruckender Film geworden. Es ächzt, knarrt, spritzt und windet, als wäre man selbst auf dieser Irrfahrt zugegen. Ludwig Göransson hat erneut einen hinreißenden Score komponiert, der gerade dadurch zu gefallen weiß, dass er an zwei oder drei Stellen das genaue Gegenteil von dem tut, was man erwartet hätte. Pattinson, Holland und Hathaway haben sichtlich Freude an ihren Rollen, gerade Hathaway darf in der letzten Stunde des Filmes zu einer Karrierebestleistung ansetzen. Die Spannungsschlinge um die Zuschauer:innen schnürt sich mit jedem Filmmeter weiter zu, obwohl wir doch alle längst wissen, wie das Ganze ausgehen wird. Seit „Oppenheimer“ ist zudem lobend anzumerken, dass Nolans Filme zum wahren Crescendo ansetzen, nachdem der eigentliche Plot auserzählt scheint. Das war bei „Oppenheimer“ das langsame Aufdröseln der Strauß-Affäre, die das Biopic auf den letzten Metern noch zum reinrassigen Politthriller machte, und ist bei DIE ODYSSEE die ungeahnt konsequente und ausführliche Bebilderung der Klammerschließung der Telemachie.

DIE ODYSSEE bleibt dennoch ein überwältigendes Kinoereignis: ein Film, dessen Materialität, Klanggewalt und erzählerischer Sog viele seiner gedanklichen Überdeutlichkeiten überstrahlen. Vielleicht sollte Nolan nach dieser Reise aber tatsächlich wieder einen Gang herunterschalten und sich einer intimeren Geschichte wie bereits in „Memento“ oder „Prestige“ zuwenden. Denn je größer seine Stoffe werden, desto stärker droht er ihnen jene Rätsel zu nehmen, die sie überhaupt erst über Jahrtausende lebendig halten.

Trailer

FSK noch unbekannt

Originaltitel

The Odyssey (Großbritannien / USA 2026)

Länge

173 Minuten

Genre

Abenteuer / Action

Regie

Christopher Nolan

Drehbuch

Christopher Nolan

Kamera / Bildgestaltung

Hoyte van Hoythema

Darsteller

Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong'o, Samantha Morton, Zendaya, Charlize Theron, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Mia Goth

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

» zur Filmwebsite

Weitere Neustarts am 16.07.2026