Der große Hype um asiatische Actionfilme ist zumindest im Kino schon lange abgeebbt. Die Zeiten, in denen Jackie Chan und Jet Li die westlichen Kinos unsicher gemacht haben, sind vorbei. Doch nun bringt die chinesisch-US- amerikanische Koproduktion THE FURIOUS Martial Arts zurück auf die große Leinwand – und das mit einem gewaltigen Paukenschlag.
THE FURIOUS verlässt sich allerdings inhaltlich weitgehend auf Genrekonventionen. Die beiden Männer Wang Wei (Xie Miao) und Navin (Joe Taslim) treffen aufeinander und stellen fest, dass sie ein gemeinsames Ziel haben. Wang sucht seine entführte Tochter, und Navin möchte herausfinden, was seiner verschwundenen Frau widerfahren ist. Ihre Suche führt sie auf die Spur einer gefährlichen Menschenhandelsorganisation. Nun müssen sie zusammenarbeiten und all ihre Fähigkeiten einsetzen, um sich scheinbar endlosen Gegnerhorden zu stellen.
Seit 2014 muss sich jeder Martial-Arts-Film den Vergleich mit „The Raid 2“ gefallen lassen. Gareth Evans und sein Team vor und hinter der Kamera setzten ihren Hit „The Raid“ nicht nur fort, sondern lieferten einen modernen Klassiker ab, der neue Genremaßstäbe setzte. The Furious kann diesem Vergleich nicht nur standhalten, sondern übertrifft das indonesische Meisterwerk in einzelnen Sequenzen sogar.
Dafür sorgen vor der Kamera Joe Taslim und Xie Miao. Taslim hat bereits durch „The Raid“ und den ultrabrutalen Netflix-Film „The Night Comes for Us“ auf sich aufmerksam gemacht. Als Journalist Navin ist er so etwas wie der Ruhepol des Films. Dennoch darf er in den Actionsequenzen natürlich seine körperlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Neben ihm brilliert Xie Miao als von Verzweiflung getriebener und entsprechend ungestümer Vater. Er ist das emotionale Zentrum und rast wie ein Wirbelwind durch den Film. Miao dürfte einem westlichen Publikum am ehesten aus dem Ip-Man-Prequel „The Awakening“ bekannt sein, ist aber bereits seit Jahren eine feste Größe im chinesischen Actionkino. Besonders mit den in Actionkreisen gefeierten „Fight Against Evil“-Filmen hat er seine Qualitäten als Actionstar unter Beweis gestellt.
Die Vielfalt und Qualität der Action, die THE FURIOUS auffährt, sind außergewöhnlich. Die Choreografien werden nicht nur makellos ausgeführt und übersichtlich eingefangen, sondern folgen auch einer packenden Dramaturgie. Innerhalb der Kämpfe verschieben sich immer wieder Positionen und Machtverhältnisse. Im Laufe der Geschichte steigert sich die Intensität bis hin zu einem unvergleichlichen Finale. Dabei werden nicht nur gekonnt unterschiedliche Werkzeuge und Waffen eingesetzt, sondern auch der Raum und der eigene Körper kreativ genutzt.
Die Action in THE FURIOUS schafft einen faszinierenden Spagat. So sehr die technisch perfekte Umsetzung begeistert, so sehr schmerzen die Schläge und Tritte beim Zuschauen. Ohne die Brutalität ins Absurde zu steigern, sind die Kämpfe von einer unerbittlichen Härte geprägt. Dadurch machen die Auseinandersetzungen nicht nur Spaß, sondern gehen regelrecht unter die Haut.
Kampfkünstler und Stuntleute werden zu körperlichen Höchstleistungen angetrieben. Die Kämpfe sind so wuchtig und furios, dass sie immer wieder an die Grenze der Überforderung kratzen. Die ruhigen Passagen dienen daher nicht nur als Lückenfüller oder kurze narrative Einsprengsel, sondern als notwendige Verschnaufpausen – für die beiden Protagonisten ebenso wie für das Publikum. In THE FURIOUS bekommen Begriffe wie „nervenzerfetzend“ und „atemberaubend“ eine völlig neue Bedeutung.
Unerbittlich kämpfen sich Xie Miao und Joe Taslim durch Wellen von Gegnern. Was leicht repetitiv wirken könnte, wird in dieser herausragenden Umsetzung zu einem der besten Actionfilme der letzten Jahre – wenn nicht aller Zeiten. Ich hatte Gänsehaut, schweißnasse Hände und Tränen in den Augen. THE FURIOUS setzt neue Maßstäbe und ist vielleicht der beste Actionfilm, den ich je im Kino gesehen habe.
Huo zhe yan (China / Hongkong 2025)
113 Minuten
Action / Thriller / Martial Arts
Kenji Tanigaki
Mak Tin Shu, Lei Zhilong, Shum Kwan Sin, Frank Hui
Meteor Cheung
Xie Miao, Joe Taslim, Yang Enyou, Brian Le, Jija Yanin, Yayan Ruhian
Capelight Pictures Gerlach Selms GbR