Ein einzelner Mensch kann doch sowieso nichts verändern. Wie falsch diese Aussage ist, zeigen Markus Goller und Oliver Ziegenbalg mit den Helden hinter „Jugend Rettet“, die über 23 000 LEBEN auf dem Mittelmeer gerettet haben.
Gerade ist Lukas (Louis Hofmann) mit der Schule fertig, eigentlich erwarten seine Eltern jetzt, dass er ein Studium beginnt. Doch Lukas hat andere Pläne. Er ist die ständigen Bilder der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer satt und beschließt, selbst aktiv zu werden. Sein Plan ist simpel: Ein Schiff kaufen, Mitstreiter finden und Menschen retten. Doch ganz so einfach ist das nicht…
Seine Freundin Kitty (Mala Emde) steht emotional und lebensplanerisch zwischen den Fronten. Natürlich möchte sie ihren Freund bei seinem Vorhaben unterstützen, auf der anderen Seite möchte sie sich aber auch ihre Zukunft nicht verbauen und erst mal ihr Studium beenden.
Nach langer Suche finden sich dann aber doch sowohl ein Schiff als auch Geldgeber, um die Mission zu finanzieren. Im Mittelmeer angekommen geht der Frust jedoch weiter: Die Behörden lassen sich mit den Genehmigungen besonders viel Zeit, so dass sich der Beginn noch einmal verschiebt.
Irgendwann ist es jedoch soweit, und Lukas und sein Team können endlich Menschen retten. Während Sören (Frederick Lau) unter Kapitänin Viola (Maria Dragus) den Einsatz auf der „Iuventa“ koordiniert, sorgen Nina (Katharina Stark), Dominique (Luisa-Céline Gaffron) und andere im Hintergrund in Berlin für Kommunikation, Organisation und Marketing. Doch die italienischen Behörden legen ihnen immer wieder Steine in den Weg…
Mit dem 33 Meter langen, zum Seenotrettungsschiff umgebauten Fischkutter „Iuventa“ begann 2015 die unglaubliche Geschichte der von Jakob Schoen gegründeten Initiative „Jugend Rettet“. Bei ihren 16 Missionen zwischen Juli 2015 und August 2017 gelang es dem Projekt 23 000 LEBEN zu retten. Und das, obwohl sie nach der Einstellung des europäischen Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum eigentlich nur ein Zeichen setzen wollten.
Als die Anfrage kam, ob sich Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg und Regisseur Markus Goller vorstellen können, diese unfassbare Geschichte zu verfilmen, mussten die beiden nicht überlegen. „Wir haben sofort alle anderen Projekte beiseite geschoben und uns in die Arbeit gestürzt“, so Ziegenbalg im Interview mit nochnfilm.de. Wichtig war ihnen dabei, die Geschichte nicht 1:1 nachzuerzählen, trotzdem aber immer an der Wahrheit zu bleiben. Unterstützt wurden sie dabei von der Original-Besatzung der „Iuventa“ und anderen Mitgliedern von „Jugend Rettet“.
An und für sich ist die Idee, als normaler Mensch ein Boot zu kaufen und im Mittelmeer Menschenleben zu retten, vollkommen hanebüchen, erst Recht wenn man weder ein Boot steuern, noch eine Ausbildung als Rettungsschwimmer vorweisen kann. Und trotzdem haben diese Helden es einfach gemacht. Allein dafür gebührt ihnen der allergrößte Respekt.
Als vor zwei Wochen der Film „Das Los des Fremden“ in die Kinos kam, entfachte das im Kollegenkreis die Diskussion, ob man Filme über die Flüchtlingsthematik generell überhaupt in Hochglanzbildern zeigen darf. Ich empfand die Frage dort bereits als völlig absurd, denn viel wichtiger ist es doch, dass die Geschichten authentisch erzählt werden. Genau das gelingt dem Dreamteam Goller/Ziegenbalg („Simpel“, „25 km/h“, „One For the Road“, „Die Ironie des Lebens“) mit ihrer Produktionsfirma „Sunny Side Up“ hier nahezu perfekt.
Das Besondere daran: 23 000 LEBEN erzählt nicht nur die Geschichte dieser Initiative, sondern greift auch diverse Aspekte der Flüchtlingsthematik auf, wie beispielsweise die Frage, ob ein solcher Rettungseinsatz nicht erst recht als Pull-Faktor missverstanden werden kann. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn niemand würde sich freiwillig in einem kleinen Schlauchboot in Lebensgefahr bringen, nur weil es dort angeblich Schiffe gibt, die die Menschen retten werden. Die Menschen fliehen aus gänzlich anderen Gründen wie Krieg, Hunger oder Armut.
Das Drehbuch von Oliver Ziegenbalg hakt diese Punkte aber nicht einfach nur wie auf einer Strichliste ab, sondern verpackt sie gekonnt in die Handlung, ohne dass es sich wie eine Predigt von oben herab anfühlt.
Auch die kreative Seite liefert in 23 000 LEBEN Bestleistungen ab: sei es die Kamera von Frankie DeMarco, das Szenenbild von Christian Goldbeck oder die Musik von Volker Bertelmann – alles passt hier wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
Doch die Geschichte des Films ist nach dem Ende der Missionen nicht zu Ende erzählt. 2017 legt die italienische Regierung die „Iuventa“ an die Kette und klagt die Besatzungsmitglieder an. Die Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe: „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ in Zusammenarbeit mit libyschen Schleusernetzwerken. Obwohl die Anklagepunkte vollkommen absurd sind, dauert der Prozess ganze sieben Jahre, endet aber mit einem eindeutigen Freispruch.
Mit 23 000 LEBEN liefern Markus Goller und Oliver Ziegenbalg erneut einen mehr als beeindruckenden Film ab, der hoffentlich für Diskussionen sorgen wird. Und der zeigt, dass auch ein einzelner Mensch durchaus etwas bewirken kann.
Beim Filmfest München hatte ich die Gelegenheit, sowohl mit den Machern Markus Goller und Oliver Ziegenbalg als auch mit den beeindruckenden Darstellern Katharina Stark, Mala Emde, Maria Dragus und Frederick Lau über ihren Film 23 000 LEBEN zu sprechen.
23 000 Leben (Deutschland 2026)
112 Minuten
Drama
Markus Goller
Oliver Ziegenbalg, Michele Cinque
Frankie DeMarco
Louis Hofmann, Mala Emde, Katharina Stark, Frederick Lau, Maria Dragus, Trevor Magaya, Kathy Etoa, Felice, Saibon Wang, Joone Dankou, Merlin von Garnier, Luisa-Céline Gaffron, Omid Memar, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Franka Potente, Katja Riemann, Frank Plasberg, Herbert Knaup, Eleonora Romandini
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