Eigentlich sieht WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS aus wie eine typische RomCom – doch die Regisseurin Celine Song hebt das ganze Genre auf eine völlig neue Ebene.
Oberflächlich betrachtet hat Lucy (Dakota Johnson) alles richtig gemacht. Sie sieht fantastisch aus, trägt die teuersten Kleider und ist äußerst erfolgreich als Heiratsvermittlerin für die gut betuchte Upper-Class von New York. Sie hat die mathematischen Aspekte des Datings perfektioniert und weiß ganz genau, wonach sich ihre Klienten sehnen. Doch selbst ist Lucy immer noch Single.
Nachdem sie wieder einmal ein Paar erfolgreich verkuppelt hat, lernt sie auf deren Hochzeit Harry (Pedro Pascal) kennen, den Bruder des Bräutigams – und der ist genau das, was man in ihrer Branche als „Einhorn“ bezeichnet: gutaussehend, reich, charmant, höflich, zuvorkommend und vor allem: Single! Lucy schweben direkt etliche Klientinnen vor, zu denen Harry perfekt passen würde. Dieser hat allerdings andere Pläne und besteht auf einem Date mit Lucy. Doch dann taucht plötzlich Lucys Ex John (Chris Evans) auf, ein gescheiterter Schauspieler, der sich auf der Hochzeit als Kellner seine Brötchen verdient. Während sich langsam etwas zwischen Harry und Lucy zu entwickeln scheint, denkt sie immer mehr darüber nach, warum sie sich eigentlich von John getrennt hatte.
Schon in ihrem Regiedebüt „Past Lives“ hat die Autorin und Regisseurin Celine Song bewiesen, dass ihre Geschichten weitaus mehr Tiefgang besitzen als andere Vertreter des Genres. Zu erwarten, dass WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS nur eine simple romantische Komödie ist, wäre eine grobe Fehleinschätzung ihres Talents – auch wenn der Trailer durchaus darauf hin deutet. Zwar greift Song die typischen Elemente des Genres auf, sie nutzt sie aber geschickt für eine Montage der schrecklichsten Klienten einer Partnervermittlung: der Mittvierziger, der fest davon überzeugt ist, nur mit Frauen in ihren Zwanzigern etwas anfangen zu können und dem eine 31-jährige bereits zu alt ist – egal welche sonstigen Vorteile sie hat. Oder diejenigen, deren einzige Kriterien die Körpergröße und die Menge des Geldes auf dem Konto ist.
Für Celine Song geht die Geschichte des Datings weit zurück, und so beginnt sie WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS mit einer Szene, in der ein Höhlenmensch seiner Angebeteten einen Blumenkranz schenkt. Das weckt natürlich Erinnerungen an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, der mit seiner Eröffnungssequenz den Übergang von primitiven Wesen zu einer Zivilisation und den Beginn der menschlichen Entwicklung symbolisieren wollte. Song wandelt dies ab, in dem sie die „Geburt“ von Liebe und Bindung zeigt – quasi als Gegenentwurf zu Kubricks „Knochenwurf“: nicht Gewalt, sondern Zuneigung als Ursprung der menschlichen Kultur. Und wer genau hinschaut, der kann dieses Steinzeit-Paar in einer der letzten Szenen wieder entdecken, womit Song ihren Film nahezu perfekt abschließt. Allein dafür hätte sie schon den Regie-Oscar verdient.
Während andere Romantic Comedies die verschiedenen Aspekte der Liebe aufzeigen, traut sich Celine Song auch dorthin zu gehen, wo es weh tut. Einer ihrer Klienten entpuppt sich als gewalttätiger Stalker, der ihre Kundin Sophie (Zoë Winters) verstört zurücklässt. Ja, dass es in der Welt dieses Films auch solche Elemente gibt, erdet WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS ungemein. Für Lucy ist das der erste Schritt auf dem Weg, ihren Job zu hinterfragen. Wie konnte sie diesen Menschen so dermaßen falsch einschätzen?
Celine Song, die in ihrer Karriere selbst kurz in der Dating-Industrie gearbeitet hat, scheint genau zu wissen, was sie hier erzählt. Wie schon in „Past Lives“ sprühen die Dialoge auch in WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS nur so vor Witz und Verstand. Zu keinem Zeitpunkt setzt Song auf billige Sticheleien oder leichte Lacher. Jedes Wort, jeder Satz sind wohl bedacht und zeugen von hoher Intelligenz, trotzdem wirken die Dialoge zu jedem Zeitpunkt flüssig und nicht einmal ansatzweise verkrampft. Sätze wie „Du bist nicht hässlich, du hast einfach nicht genügend Geld“ sollen zwar im Kontext beruhigen, offenbaren aber schonungslos, wie sich die Verkupplungs-Industrie mehr und mehr zu einer Art Deal-Making entwickelt hat. Jeder ist immer nur darauf aus, das Beste für sich aus einer potenziellen Beziehung herauszuholen, so dass wir uns als Zuschauer fragen, wann wir zu dem Punkt gekommen sind, dass Gehalt, Körpergröße, Haarfülle oder BMI wichtiger geworden sind als Zuneigung, Ehrlichkeit oder Empathie.
Neben dem gerade omnipräsenten Pedro Pascal („The Fantastic Four“, TV-Serie „The Last Of Us“ oder demnächst „Eddington“) und Dakota Johnson überzeugt vor allem Chris Evans in der Rolle des gescheiterten Schauspielers, Kellners und Ex-Freundes. Während man ihn sonst meist schlafwandelnd seine Rollen spielen sieht, vor allem als Captain America, darf er in WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS endlich einmal mehr von seinem Können zeigen. Die sympathische Ungeschliffenheit seiner Figur überzeugt auf ganzer Linie und dessen Selbstzweifel sind deutlich darauf zurückzuführen, dass sein Leben nicht so verlaufen ist, wie er es sich erhofft hatte. Er liebt Lucy von ganzem Herzen, ist sich aber gleichzeitig bewusst, dass er ihre hohen Erwartungen niemals erfüllen kann. In Rückblenden erfahren wir, warum sich das Paar damals getrennt hat, entwickeln Verständnis dafür, erkennen aber auch, dass es in der Liebe viel mehr um Risikobereitschaft gehen sollte als um das Abhaken von Punkten auf einer Liste.
Wieder einmal hat uns Celine Song vor Augen geführt, was für eine begnadete Filmemacherin sie ist. Mit Figuren, die real, kompliziert, messy und vor allem verwundbar sind, zeigt sie uns, wie man heutzutage mit einem Genre umgeht, dass lange Zeit geprägt war von Autor*innen und Regisseur*innen wie Nora Ephron („Schlaflos in Seattle“, „Harry & Sally“, E-M@il für Dich“), Nancy Meyers („Was Frauen wollen“, „Liebe braucht keine Ferien“), Garry Marshall („Pretty Woman“, „Die Braut, die sich nicht traut“) oder Richard Curtis („Tatsächlich… Liebe“, „Notting Hill“). Selbst am Ende der 117 Minuten – auch wenn man es oberflächlich als „cheesy“ bezeichnen könnte – bleibt sich die Regisseurin treu, schließt perfekt ihren Kreis und setzt ein Statement. Selten habe ich mich mit den Figuren eines Films so sehr identifizieren können wie in diesem Fall. WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS ist wirklich ein Film zum Verlieben. Und einer, bei dem es mit Sicherheit bei jeder weiteren Sichtung etwas neues zu entdecken gibt. Denn bei der Fülle der Regie-Einfälle kann man unmöglich alles beim ersten mal erfassen.
Materialists (USA 2025)
117 Minuten
Komödie / Romanze
Celine Song
Celine Song
Shabier Kirchner
Dakota Johnson, Chris Evans, Pedro Pascal, Zoë Winters, Marin Ireland, Dasha Nekrasova, Emmy Wheeler, Louisa Jacobson, Eddie Cahill, Sawyer Spielberg, Joseph Lee, John Magaro, Nedra Marie Taylor, Sietzka Rose, Halley Feiffer, Madeline Wise, Ian Stuart, Dan Domenech, Emiliano Díez, Rachel Zeiger-Haag, Alison Bartlett, Lindsey Broad, Baby Rose
Sony Pictures Releasing GmbH