Der Film der Woche

Roya

07.05.2026

Immer wieder landen im Iran Menschen unschuldig im Gefängnis. Wie es ihnen dort ergeht, wie „Geständnisse“ erzwungen werden, zeigt die Autorin und Regisseurin Mahnaz Mohammadi eindrucksvoll in ROYA.

Dass Roya, eine ehemalige Lehrerin und Aktivistin einmal im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis landen würde, hätte sie sich sicherlich nicht ausmalen können. Doch jetzt sitzt sie in ihrer feuchten, drei Quadratmeter kleinen Zelle. Der Vorwurf: Sie habe ihre Studentinnen angestiftet, ihre Kopftücher zu verbrennen. Jetzt steht sie vor der Entscheidung, ein erzwungenes, live im Fernsehen übertragenes Geständnis abzulegen – oder für immer in ihrer Gefängniszelle zu verharren.

Immer wieder wird sie zu Verhören gebracht – verschleiert und mit verbundenen Augen, den Blick starr und ausschließlich auf den Boden gerichtet. Alles, was sie in diesem Moment wahrnimmt, sind die Schreie der anderen Insassinnen, sowie Blut auf dem Boden oder an Fahrstuhlknöpfen. Die Vernehmer setzen alles darin, ihren Widerstand zu brechen, sowohl durch physische Gewalt als auch durch psychologischen Druck.

Eines Tages wird ihr in einem Scheinverhör mitgeteilt, dass ihr Vater verstorben sei und sie nur durch ein Geständnis die Gelegenheit erhält, zu seiner Beerdigung gehen zu dürfen. Tief getroffen willigt sie ein, schließlich ist der Wunsch, sich von ihrem an Alzheimer erkrankten Vater noch einmal verabschieden zu können, schlichtweg zu groß. Mit einer Fußfessel wird sie in ein Auto gesetzt und sieht zum ersten Mals wieder das Sonnenlicht und andere Menschen.

Doch die Rückkehr in die Realität erweist sich als trügerisch. Nicht ihr Vater ist verstorben, sondern ihre Schwester. Auch sonst wirkt alles irgendwie seltsam. Am Ende ihrer dreitägigen, vorübergehenden Freiheit bewegt sich Roya wie ein Schatten durch ihr eigenes Leben. Zurück im Gefängnis steht sie vor der schwierigen Aufgabe, das erzwungene Geständnis abzulegen. Doch etwas in ihr hat sich verändert, und so trifft Roya eine Entscheidung…

Als ROYA im Februar 2026 im Rahmen der Berlinale im Urania-Kino seine Weltpremiere feierte, war der Saal bis auf den letzten Platz belegt – überwiegend von Mitgliedern der iranischen Gemeinde. Die Stimmung war angespannt, hatte das iranische Regime doch gerade erst die Proteste im Land brutal niedergeschlagen. Doch nach den 96 Minuten feierte das Publikum die Autorin und Regisseurin Mahnaz Mohammadi frenetisch und ausgelassen. Offensichtlich hat ROYA etwas im Publikum ausgelöst…

Auch mich hat der Film gleichermaßen beeindruckt und schockiert. Zum ersten Mal wird uns deutlich vor Augen geführt, was politische Häftlinge im Iran durchleben müssen. Dabei geht Mohammadi äußert geschickt vor, denn sie verzichtet gänzlich darauf, die Gewalt zu zeigen. Vieles ergibt sich aus Zusammenhängen oder aus den Schreien und Rufen der anderen Insassinnen. Das ist sogar noch erschreckender, als man es mit Worten jemals ausdrücken könnte. „Manchmal ist es besser, etwas nicht zu zeigen. Ich mag es nicht, alles zu zeigen und alles zu erklären, denn das Publikum ist schlau und kann es verstehen“, so Mohammadi im Interview mit nochnfilm.de. (s.u.)

Mohammadi arbeitet in ROYA nicht nur mit Soundelementen, sondern auch mit Lichteffekten. Allein durch das Vorhandensein einer flackernden Neonröhre wird klar, welch psychischen Stress eine Gefangene hier durchmachen muss.

Drehen konnte Mohammadi ihren Film natürlich nicht im Iran, dafür musste Georgien als Schauplatz herhalten. Allerdings gibt es Drohnenaufnahmen im Film, die das Team heimlich in Teheran gedreht hat und dafür ein immenses Risiko aufgenommen hat.

Mit ROYA verarbeitet Mahnaz Mohammadi ihre eigene Inhaftierung im Evin-Gefängnis. Wie schwer diese Zeit für sie gewesen sein muss, wird in unserem Gespräch klar, als sie immer wieder nach Luft ringen muss. „Ich bin als Mahnaz Mohammadi ins Gefängnis gegangen, aber als ein anderer Mensch wieder herausgekommen“, so Mohammadi in unserem Gespräch: „Ich bin immer noch dort, ich höre immer noch die Schreie.“

Auch bei der Premiere auf der Berlinale kreisten ihre Gedanken überwiegend darum, ob im Saal vielleicht irgendwelche Spitzel des Geheimdiensts sitzen, deren Fragen sie bei ihrer nächsten Einreise in den Iran beantworten muss. Selbst einen solch überwältigenden Erfolg konnte Mohammadi nicht vollends genießen.

So sehr mich ROYA auf der Berlinale mitgenommen hat, so sehr bewundere ich Mahnaz Mohammadi für ihren Mut und ihre Stärke. Selten hat mich ein Interviewgast so dermaßen beeindruckt.

Mit dem Kinostart von ROYA geht für Mohammadi ein wichtiges Kapitel ihres Lebens zu Ende. Jetzt liegt es an uns Filmliebhabern, dass der Film möglichst von vielen gesehen wird – und dass die Stimmen all derer, die in den Gefängnissen im Iran zum Schweigen gebracht werden sollen oder bereits wurden, niemals verstummen werden.

Interview

Im Rahmen der Kinotour stand mir die iranische Drehbuchautorin und Regisseurin Mahnaz Mohammadi im wunderschönen Abaton-Kino Rede und Antwort. Wir sprachen u.a. darüber, wie sie ihre eigene Inhaftierung im berüchtigten Evin-Gefängnis in ihrem Film ROYA verarbeitet hat, inwiefern das Medium Film die Erinnerung an all jene Iraner wachhalten kann, die immer noch inhaftiert sind und wie die Flucht in innere Landschaften einen Menschen davor bewahren kann, verrückt zu werden. Ein intensives Gespräch mit einer beeindruckenden Frau, deren Film mich auf der Berlinale schlichtweg umgehauen hat.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Roya (Iran / Tschechien / Luxemburg / Deutschland 2025)

Länge

96 Minuten

Genre

Drama

Regie

Mahnaz Mohammadi

Drehbuch

Mahnaz Mohammadi

Kamera / Bildgestaltung

Ashkan Ashkani

Darsteller

Melisa Sözen, Maryam Palizban, Hamidreza Djavdan, Bacho Meburishvili

Verleih

Little Dream Entertainment

Filmwebsite

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