Es gibt in der Filmgeschichte wunderbar zarte, melancholische Werke, in denen ein Erwachsener aus seiner Einsamkeit und emotionalen Erstarrung erst dann befreit wird, wenn ein Kind ihm die Augen öffnet – denken wir nur an „The Kid“ von Charlie Chaplin oder „Alice in den Städten“ von Wim Wenders. So ein Film ist MOSCAS – FLIEGEN UND ANDERE GÄSTE des mexikanischen Regisseurs Fernando Eimbcke – eine Ode in Schwarzweiß.
Bevor man Olga (Teresita Sánchez) zu Gesicht bekommt, hört man nur ein enervierendes Geräusch: das Summen einer Stubenfliege. Die Witwe in den 50ern führt in ihrer kleinen Wohnung einen aussichtslosen Kampf gegen das lästige Insekt. Olga lebt allein in einem Wohnblock in Mexiko-Stadt. Sie hat sich mit ihrer Einsamkeit und ihrem tristen Alltag abgefunden. Die einzigen Abwechslungen bieten ihr die gelegentlichen Einkäufe und Imbissbesuche. Und täglich sitzt sie an ihrem Uralt-Computer und spielt Sudoku.
Als sie in einer finanziellen Notlage ein Zimmer untervermieten muss, zieht Tulio (Hugo Ramírez) ein, der aus Oaxaca in die Hauptstadt gekommen ist, um seine krebskranke Frau im nahe gelegenen Krankenhaus zu versorgen. Doch Olga stellt strenge Regeln auf: keine Besuche, keine Küchenbenutzung und nur kurze Aufenthalte im Badezimmer. Aber was macht Tulio? Gleich in der ersten Nacht schmuggelt er seinen neunjährigen Sohn Cristian (Bastian Escobar), der den ganzen Tag vor dem Haus gewartet hatte, mit aufs Zimmer. Vater und Sohn sind genauso arm wie Olga.
Doch der Schwindel fliegt schnell auf, und Olga gewährt den beiden nur ein paar Tage Schonfrist. Dann ist Tulio plötzlich verschwunden (er hat einen Nebenjob angenommen), und die Witwe ist mit dem aufgeweckten Kleinen allein. Was nun?
Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Als Cristian beim Bummel durchs Viertel vor einem Laden einen „Cosmic Defenders Pro“-Spielautomaten entdeckt, ist es um ihn geschehen. Mit seiner Euphorie und Spielleidenschaft lockt er sogar Olga aus der Reserve…
Auf einmal ändert der ganze Film seinen Rhythmus. Im Stil des italienischen Neorealismus hatte Regisseur Fernando Eimbcke den ersten Teil von MOSCAS – FLIEGEN UND ANDERE GÄSTE mit fast schon Bresson’scher Strenge und Lakonie inszeniert. Jetzt übernimmt die Hektik von „Cosmic Defenders Pro“ Timing und Ästhetik des Films – und prägt sogar die Tonspur.
MOSCAS – FLIEGEN UND ANDERE GÄSTE ist ein kleines, melancholisches Meisterwerk voller Poesie und mit viel Humor – eine Perle aus Mexiko. Und ein neunjähriger Knirps namens Bastian Escobar spielt alle an die Wand. Schon „Alice in den Städten“ drehte Wenders in Schwarzweiß. Vielleicht passt Farbe ja nicht zu dieser Art Film…
Bei der diesjährigen Berlinale erhielt MOSCAS – FLIEGEN UND ANDERE GÄSTE unter anderem den „Leserpreis der Berliner Morgenpost“. Dem Publikum hatte der Film offenbar sehr gefallen.
Moscas (Spanien / Mexico 2026)
102 Minuten
Drama
Fernando Eimbcke
Vanesa Garnica, Fernando Eimbcke
María Secco, AMC
Teresita Sánchez, Bastian Escobar, Hugo Ramírez, Enrique Arreola, Paco Peralta, José Luis Osorno, Donato Tlacaelel, Janeth Cruz, Evelyn Velázquez Borja, Manuel Carrillo, Erandi Tuero, Liam Rivera, Jorge Antonio Torres Reyes
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