Der Film der Woche

Last Night in Soho

11.11.2021

Wer sich einen Film von Edgar Wright anschaut, weiß, was ihn erwartet – eine überraschende Wende um 180 Grad mitten im Film. Seit seinem Debüt mit „Shaun of the Dead“ (2004) verblüfft der britische Regisseur seine Zuschauer in (fast) allen seinen Filmen mit einem Twist, mit dem niemand gerechnet hat. Frei nach dem Motto: Es „kann“ blutig werden – muss es aber nicht. Die Komik seiner Filme ist immer nahe dran am kompletten Gegenteil. Bei der Uraufführung von LAST NIGHT IN SOHO beim Festival in Venedig bat Wright alle Anwesenden, nicht zu viel zu verraten. Auch ich werde mich daran halten! 

LAST NIGHT IN SOHO ist eine Liebeserklärung an die „Swinging Sixties“ in der Stadt, die damals der Nabel der Welt war: London. Bunte Jahre voller Musik und Lebensfreude – schon Michelangelo Antonioni hatte 1966 mit „Blow up“ diesem Jahrzehnt ein Denkmal gesetzt. Und Edgar Wright gab dem Ganzen noch einen zusätzlichen Schub: Drei wichtige Nebenrollen besetzte er mit Ikonen der damaligen Film- und TV-Szene – mit Diana Rigg, der unvergessenen „Emma Peel“ aus der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“, Rita Tushingham, einem Star des „New British Cinema“, und Terence Stamp, bekannt aus Ustinovs „Billy Budd“ und Pasolinis „Teorema“. Und dazu natürlich die Songs der Zeit – von Cilla Black, Dusty Springfield und Petula Clark bis zu den „Kinks“ und dem titelgebenden Song von „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich“. Ein Fest für Augen und Ohren!

2019: Die junge Eloise (Thomasin McKenzie) verabschiedet sich im ländlichen Cornwall von ihrer Großmutter Peggy (Rita Tushingham), um in London Modedesign zu studieren. Doch das schüchterne Mädchen wird schier erdrückt von der Größe der Millionenstadt und findet im Studentenwohnheim kaum Kontakt. So zieht sie zur Untermiete zu der schrulligen Miss Collins (Diana Rigg). Völlig vereinsamt träumt sich Eloise nachts in den Glanz der 1960er-Jahre, von Edgar Wright erstaunlich unspektakulär als Zeitreise inszeniert. Sie landet direkt vor dem Kino, in dem gerade „Thunderball“ mit Sean Connery als James Bond läuft.

Im berühmten Soho-Nachtclub „Café de Paris“ lernt sie die aufstrebende Sängerin Sandie (Anya Taylor-Joy) und den undurchsichtigen Club-Manager Jack (Matt Smith) kennen. Von Weitem bewundert Eloise das schöne Glamour-Girl. Bei ihren nächtlichen Ausflügen durch Raum und Zeit entsteht so etwas wie eine Symbiose zwischen den beiden Frauen – zeitweise scheinen die beiden zu einer Figur zu verschmelzen: Das schafft Wright mit raffinierten Spiegelbrechungen. Und was für eine Rolle spielt der rätselhafte weißhaarige Mann (Terence Stamp)? Dass er gegen Ende des Films in der Jukebox den unverwüstlichen Hit „Eloise“ mit Barry Ryan erklingen lässt, ist dann natürlich keine Überraschung mehr.

Jetzt folgt der angekündigte „Bruch“ – und der Rezensent schweigt. Doch so viel darf ich verraten: Ganz so toll waren die „Swinging Sixties“ dann doch nicht – aus Eloises Träumen werden allmählich Albträume. Und Sandie verbirgt ein düsteres Geheimnis – ebenso wie das Haus und ihre nicht so nette Wirtin. Eher dezent setzt Wright Horror-Elemente ein – doch manche Szenen sind regelrecht ein Schock. Aber genug davon!

Natürlich passt LAST NIGHT IN SOHO zur aktuellen #Me-too-Debatte. Viele vergleichen diesen Film mit „Promising Young Woman“, für den Emerald Fennell den diesjährigen Drehbuch-Oscar erhielt. Dort wehrte sich eine zu allem entschlossene Frau gegen die Männerwelt, hier sind es gleich zwei tapfere junge Mädchen, die der Welt den Kampf ansagen. Wright inszeniert diese doppelte Befreiung als eine mitreißende Mischung aus bunter Popkultur und hintergründigem Grauen. Hier treffen Oberflächenreize auf viel Tiefe.

Dass Thomasin McKenzie („Leave No Trace“, „Jojo Rabbit“) und Anya Taylor-Joy („The Witch“, „Emma“) zwei begnadete junge Schauspielerinnen sind, muss ich nicht extra betonen. Trotz der vielen brillanten Nebenrollen (siehe oben) beherrschen sie die fast zwei Stunden des sensationellen Meisterwerks. LAST NIGHT IN SOHO ist Edgar Wrights bester Film. Und beim Abspann mit „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich“ singen wir alle mit.

Trailer

ab16

Originaltitel

Last Night in Soho (Großbritannien 2021)

Länge

117 Minuten

Genre

Thriller / Horror

Regie

Edgar Wright

Drehbuch

Edgar Wright, Krysty Wilson-Cairns

Darsteller

Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Matt Smith, Diana Rigg, Terence Stamp, Rita Tushingham, Synnøve Karlsen, Michael Ajao, Jessie Mei Li, Kassius Nelson, Rebecca Harrod

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

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