Anfang 2025 scheiterte Robert Habeck mit seinem Bundestags-Wahlkampf. Lars Jessen, der ihn in dieser Zeit mit der Kamera begleitet hat, blickt nun mit Habeck und anderen Wegbegleitern reflektiert auf diese Zeit zurück und sucht dabei nach Erklärungen.
Als Robert Habeck die Bühne der Bundespolitik betrat, waren die Erwartungen an den ehemaligen Umweltminister von Schleswig-Holstein immens hoch. Denn Habeck konnte die Massen begeistern und war in der Lage, uns die Vorgänge in der Politik zu erklären, die uns Olaf Scholz schweigend vorenthielt. Als „Erklärbär der Nation“ machte Habeck deutlich, dass es in der Politik kein Schwarz oder Weiß gibt. Und dass auch ein Mitglied der Grünen in den Arabischen Emiraten auf Öl-Suche gehen muss, obwohl er die fossilen Brennstoffe eigentlich lieber gleich komplett abschaffen würde – schließlich waren die russischen Quellen aufgrund des Angriffskrieges auf die Ukraine plötzlich versiegt.
Nach dem Scheitern der Ampel-Koalition bot sich Habeck den Deutschen als erster grüner Kanzler an – immer mit der zutiefst menschlichen Botschaft, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern in den Dienst des Volkes. Ich habe Habeck dies zu jedem Zeitpunkt abgenommen und mit Erschrecken die Hasskampagnen verfolgt, die aus verschiedensten Ecken auf ihn einprasselten. Da wurden Tatsachen verdreht und Falschmeldungen von Medien verbreitet, die einzig und allein der Agenda folgten, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen immer weiter hinauszuzögern. Wie bösartig viele dieser Kampagnen waren, hat mich im Mark erschüttert.
Umso freudiger habe ich den Start von JETZT. WOHIN. – MEINE REISE MIT ROBERT HABECK herbeigesehnt. Schließlich zählt Lars Jessen eindeutig zu meinen Lieblingsregisseuren, nicht erst seit „Mittagsstunde“ oder „Micha denkt groß“. Und in der Tat scheint Jessen ähnlich zu ticken wie Robert Habeck, denn der Film macht vieles anders, als man es von einschlägigen Dokumentationen kennt. Wie einfach wäre es gewesen, wenn man sich lediglich auf die Suche nach Schuldigen gemacht und sie benannt hätte. Gefunden hätte man da so einige. Belegt hatte das die Wochenzeitung „Die Zeit“ einmal in einem ausführlichen Dossier, und auch Lobbycontrol hatte darüber berichtet, wie Springer-Hauptaktionär KKR den Konzern gezielt für politische Einflussnahme nutzt. Jessen unterlässt es jedoch, die Schuld bei anderen zu suchen sondern befragt Experten wie die Politökonomin Maja Göpel, wie sich beispielsweise die Art und Weise wie viele heutzutage politische Informationen konsumieren, auf eine Wahlentscheidung auswirkt. Welchen Einfluss haben gesteuerte Kampagnen in den sozialen Medien, wenn nicht erkennbar ist, von wem sie stammen. Das sind wichtige Fragen, die sich viele Menschen jedoch gar nicht erst stellen.
Das Problem wird aber vermutlich sein, dass diesen Film nur diejenigen sehen werden, die Robert Habeck sowieo bereits unterstützen. Inzwischen sind die Fronten so verhärtet, dass die bloße Ankündigung eines Screenings dieses Films die Habeck-Hasser auf den Plan ruft, um hier ihre Parolen und Drohungen vom Stapel zu lassen. Ich frage mich wirklich, ob und wie wir es jemals schaffen werden, zu einer sachlichen Diskussion zurückzufinden. Aber immerhin: JETZT. WOHIN. – MEINE REISE MIT ROBERT HABECK könnte durch seine Sachlichkeit einen Teil dazu beitragen.
Lars Jessen hat Robert Habecks Wahlkampf nicht nur begleitet, sondern aktiv unterstützt. Man merkt ihm an, dass dieses „Versagen“ ihn auch persönlich getroffen hat. Man mag sich kaum ausmalen, wie es sich angefühlt haben muss, zu Wahlkampf-Zeiten in Robert Habecks Haut gesteckt zu haben. Wie geht man menschlich damit um, wenn man aus jeder Ecke mit Unwahrheiten und Falschbehauptungen zu kämpfen hat und die erklärten Ziele überhaupt keine Bedeutung mehr haben. Ich kann kann mir das nur schwer vorstellen und war ehrlich gesagt wenig überrascht, dass sich Robert Habeck inzwischen aus der Politik zurückgezogen hat. Bei einer Sache bin ich mir jedoch sicher: Irgendwann kommen wir (hoffentlich) an einen Punkt, an wir einsehen, was für einen fantastischen Menschen wir da als Politiker haben gehen lassen.
Jetzt. Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck (Deutschland 2025)
92 Minuten
Dokumentation
Lars Jessen
Lars Jessen, Rasmus Jessen
Rasmus Jessen
Fritz Butze, Rasmus Jessen
Robert Habeck, Lars Jessen, Luisa Neubauer, Tobias Krell, Markus Lanz, Jan „Monchi“ Gorkow, Charly Hübner, Maja Göpel, Daniel Günther, Samira El Ouassil, Friedemann Karig, Christian Stöcker, Arun Chaudhary
Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG