Das Abrichten eines Greifvogels als Trauerarbeit: Selten zuvor ist die enge Verzahnung von Leben und Tod so deutlich geworden wie in dem bewegenden und poetisch zarten Melodram H WIE HABICHT von Philippa Lowthorpe, basierend auf dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller von Helen Macdonald.
Bei einem ihrer geliebten Ausflüge in die Natur ruft Helen (Claire Foy), Dozentin für Geschichte in Cambridge, aufgeregt ihren Vater Alisdair (Brendan Gleeson), einen der angesehensten britischen Pressefotografen, an: Sie habe soeben zwei balzende Habichte hoch am Himmel beobachtet – auch für die engagiertesten Tierliebhaber eine äußerst seltene Naturerscheinung. Dabei erinnert sich Helen an ihre Jugend: Schon als Kind hatte ihr Vater sie für die Falknerei und die Schönheiten der Natur begeistert.
Am Abend diskutiert Helen das tagsüber Erlebte mit ihrer besten Freundin Christina (Denise Gough), als sie ein Anruf ihrer Mutter (Lindsay Duncan) erreicht: Ihr Vater ist unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Im Krankenhaus angekommen, gehen ihre Mutter und ihr Bruder James (Josh Dylan) emotional, aber sehr gefasst mit der Situation um – während Helen mit ihrem Kummer ins Bodenlose stürzt.
Sie verkriecht sich in ihrer düsteren Dienstwohnung in Cambridge, die sie demnächst verlassen muss, da ihre Dozentur ausläuft. Ihr ist zwar eine Stelle in Berlin in Aussicht gestellt worden, doch um eine Bewerbung hat sie sich bislang nicht gekümmert. Und im jetzigen Zustand fehlt ihr ohnehin der Nerv dafür. In ihrer Verzweiflung kommt sie auf die wahnwitzige Idee, einen Habicht abzurichten. Sie glaubt, so ihrem Vater auf einer metaphysischen Ebene noch einmal nahe sein zu können – in Erinnerung an ihre gemeinsamen Tage in der Natur.
Ausgerechnet ein Habicht! Gerade diese Greifvögel gelten als notorisch unberechenbar und extrem eigenwillig. Stuart (Sam Spruell), ein alter Freund ihres Vaters, rät ihr – wenn es unbedingt ein Raubvogel sein muss – zu einem (deutlich kleineren) Falken. Doch Helen bleibt standhaft und kauft bei einem zwielichtigen Züchter ihren Vogel. Der Mann hat zwei Habichte zur Auswahl: Helen entscheidet sich für das wildere Tier, das Weibchen Mabel.
Helen bringt Mabel erst einmal in ihrer Wohnung unter, die vom Vogel natürlich sofort verwüstet wird. Irgendwann fasst sie den Mut, mit Mabel in die Natur zu gehen, damit diese das Jagen lernt. Und jedes Mal hat Helen Angst, ob Mabel nach ihren Flugübungen zu ihr zurückkehrt. Aber immer ist Alisdair mit dabei: Denn ständig fügt die Regisseurin Rückblenden zwischen Vater und Tochter ein, sodass Brendan Gleeson auch als „Toter“ eine tragende Rolle im Film spielt. Am Ende sind Helen und Mabel ein „Paar“, und die Dozentin nimmt ihren Vogel mit in den Hörsaal. Doch die Wohnung verkommt zur „Messi“-Höhle, und Helen vereinsamt immer mehr…
Die eigentliche Sensation in H WIE HABICHT ist: Claire Foy! Die britische Schauspielerin, die als junge Queen Elizabeth II. in der Serie „The Crown“ bekannt geworden war, konnte sich nicht auf CGI-Effekte verlassen – sie trainierte und agierte während des kompletten Films mit einem echten Habicht. (Eigentlich waren es zwei: Auch ein Habicht hat ein Recht auf eine Drehpause.)
Wie Claire Foy todesmutig durch die wunderschöne Moorlandschaft Mittelenglands stapft – mit einem schweren Vogel auf ihrem Falknerhandschuh: Das sind Kinoerlebnisse, die niemand missen möchte. Hier ist der Zauber der Natur in jeder Sekunde spürbar. In Claire Foys Gesicht vereinen sich Trauer, Verzweiflung, Trotz und Hoffnung. Und man sieht ihr die Hilflosigkeit und fehlende Kraft an, als Helen auf einer Veranstaltung von einem bornierten Tierschutzaktivisten verbal aufs Übelste angegriffen wird.
Da ich selbst aus einer Bauernfamilie stamme und wie Helen auf dem Land aufgewachsen bin, interessiere ich mich für das Verhältnis des Menschen zur Natur und ihre transformierende Kraft – in einem noch ungezähmten Raum, der uns Antworten zu geben vermag, wenn wir nur bereit sind, nach ihnen zu suchen.
Regisseurin Philippa Lowthorpe
Am Ende hat Mabel der Frau geholfen: Helen ist endlich bereit, die Trauerrede für ihren Vater zu halten. Und sie gibt Mabel, als deren Mauser einsetzt, freiwillig für ein halbes Jahr ins Tierheim. Helen ist zurück unter den Lebenden!
Was für ein schöner Film!
H is for Hawk (Großbritannien 2025)
120 Minuten
Drama
Philippa Lowthorpe
Philippa Lowthorpe, Emma Donoghue, nach dem gleichnamigen Roman von Helen Macdonald
Charlotte Bruus Christensen
Claire Foy, Brendan Gleeson, Lindsay Duncan, Josh Dylan, Denise Gough, Sam Spruell, Emma Cunniffe, Arty Froushan
DCM Film Distribution GmbH