Der Film der Woche

Beating Hearts

27.03.2025

Fünf Millionen Zuschauer in Frankreich können sich nicht irren: Mit BEATING HEARTS kommt einer der eindrucksvollsten Liebesfilme in die deutschen Kinos, der tatsächlich neue Maßstäbe setzt. Warum man dieses Meisterwerk nicht verpassen sollte…

Eine kleine Industriestadt im Norden Frankreichs: Hier wächst der rebellische Clotaire (Malik Frikah) in einem Problembezirk auf. Als er vor der Schule das erste Mal auf Jackie (Mallory Wanecque) trifft, ist er schockverliebt. Denn das erste Mal ist ein Mädchen so überhaupt nicht beeindruckt von ihm und gibt ihm Konter, ist er es doch sonst gewöhnt, dass alle vor ihm Angst haben. Doch die beiden verbindet etwas, das auf den ersten Blick nicht sichtbar ist: sie haben beide ein Trauma erlitten. Clotaire möchte seinem prekären Umfeld gerne entfliehen, doch sein Vater, der in einer örtlichen Fabrik arbeitet, macht ihm immer wieder klar, dass es sinnlos ist, zu träumen. Und Jackie kämpft immer noch mit dem Verlust ihrer viel zu früh verstorbenen Mutter. Gemeinsam fühlen sie sich jedoch stark genug, um der Welt zu begegnen.

Doch ihre Liebe wird durch Bandengewalt auf eine harte Probe gestellt. Clotaire schließt sich der kriminellen Gang eines Gangsterbosses (Benoît Poelvoorde) an und wird wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat, zu einer langen Haftstraße verurteilt. Die beiden verlieren sich aus den Augen, doch das Schicksal führt sie nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wieder zusammen. Jetzt stellt sich die Frage, ob ihre Liebe stärker ist, als Clotaires Rachegelüste…

Vor acht Jahren landete der französische Schauspieler Gilles Lellouche mit seinem Film „Ein Becken voller Männer“ („Sink Or Swim“) über männliche Synchronschwimmer einen Überraschungserfolg. 4,2 Millionen Zuschauer lockte der Film in die französischen Kinos. Dadurch hatte Lellouche für seinen nächsten Film quasi freie Hand, doch anstatt auf sicher zu gehen und eine weitere Komödie zu drehen, entschied er sich für ein wahres Liebes-Epos. Man spricht von einem Budget von stolzen 28 Millionen Euro, was für europäische Verhältnisse schier unglaublich ist. Und man sieht dem Film deutlich an, dass Lellouche hier aus dem Vollen schöpfen konnte.

Der Mut des Regisseurs sollte sich letztendlich auszahlen: Inzwischen haben den Film allein in Frankreich nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes mehr als fünf Millionen Zuschauer gesehen, davon überdurchschnittlich viele junge Kinobesucher. Vielleicht ist Lellouche mit BEATING HEARTS so etwas wie der Liebesfilm der Generation Z gelungen. Ach was vielleicht – mit Sicherheit!

BEATING HEARTS ist aufgebaut wie ein klassisches Epos, das quasi eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte erzählt. Durch seine mitreißende Erzählweise wirkt der Film trotz seiner 161 Minuten (!) keine einzige Sekunde zu lang. In drei Akte aufgeteilt erzählt Lellouche, der zusammen mit Audrey Diwan („Das Ereignis“) und Ahmed Hamidi das Drehbuch geschrieben hat, die leidenschaftliche und dramatische Liebesgeschichte von Jackie und Clotaire, die sich über Jahrzehnte hinweg erstreckt. Nach einem kurzen, aber gewaltvollen Prolog in der Gangsterwelt der 2000er-Jahre springt der Film zurück in die Kindheit der beiden Protagonisten, als Jackie gerade ihre Mutter verloren hat und Clotaire immer wieder mit seinem Vater aneinander gerät. Im zweiten Akt lernen sich dann die 15-jährige Jackie (Mallory Wanecque) und der 17-jährige Clotaire (Malik Frikah) kennen und lieben – trotz aller augenscheinlichen Gegensätze. Im letzten Akt treffen Jackie (jetzt: Adéle Exarchopoulos) und Clotaire (jetzt: François Civil) wieder aufeinander und müssen erkennen, dass da immer noch eine Art Verbindung zwischen ihnen existiert.

Obwohl Adéle Exarchopoulos zu den besten Schauspielerinnen Frankreichs gehört, wird sie von Mallory Wanecque komplett an die Wand gespielt. Durch ihr natürliches Spiel verleiht sie ihrer Figur Jackie eine Eleganz, die überaus beeindruckend wirkt. Dabei ist BEATING HEARTS erst – oder vielleicht so gar schon – ihr vierter Film. Für ihr Erstlingswerk „The Worst Ones“ wurde Wanecque einst vor ihrer Schule angesprochen und gefragt, ob sie nicht an einem Casting für einen Kinofilm interessiert sei. Sie hinterließ ihre Nummer, wurde zum Vorsprechen eingeladen und bekam die Rolle. Es folgten mit „Comme un Prince“ und „The Good Teacher“ zwei weitere Filme, bis sie zu BEATING HEARTS kam. Zwar hatte die Casting-Direktorin sie schon in ihrem ersten Film gesehen, doch François Civil macht sie zusätzlich auf Wanecque aufmerksam: „Ich kenne da eine, die sieht der Adéle Exarchopoulos total ähnlich. Die musst du casten.“ Irgendwann schrieb auch Adéle Exaprchopoulos selbst sie auf Instagram an und wollte sich mit ihr treffen, da sie ständig mit Wanecque verglichen wurde. Es folgte erst eine Castingrunde, dann eine zweite und am Ende der dritten erfuhr sie dann, dass sie die Rolle hatte.

Zusammen überlegten Wanecque und Exarchopoulos dann, wie sie die Rolle der Jackie anlegen wollen. Sollte man Kontaktlinsen tragen, da sie unterschiedliche Augenfarben haben? Sollten sie auf dieselbe Art und Weise rauchen? Letztendlich entschieden sie sich jedoch dazu, das nicht weiter zu verfolgen, schließlich gab es ja bereits eine körperliche Ähnlichkeit und Menschen entwickeln sich ja auch weiter. Außerdem erlebt die Figur ja auch einen Bruch und das wollten sie auch genau so darstellen. „Sie hat etwas Schockierendes erlebt und ist nicht wirklich dieselbe Person“, so Wanecque.

Im Film gibt es eine eindrucksvolle Tanzszene, für die sich Mallory Wanecque und Malik Frikah zwei Wochen lang im Süden Frankreichs vorbereitet haben. Zwar hatte Wanecque in ihrer Kindheit ein paar Jahre klassischen Tanz gelernt, doch Frikah war bereits ein World-Breakdance-Champion. Ihm fiel das Ganze daher wesentlich leichter. Zusammen mit der Kollektiv (LA)HORDE des Nationalballetts von Marseille haben sie geprobt, dabei jedoch keine Choreographie im klassischen Sinne entwickelt. „Vielmehr haben sie uns nach unserer Ankunft gesagt, dass wir gar nicht tanzen werden. Sie sagten, dass sie uns Musik auflegen und wir uns einfach dazu bewegen sollten, ganz wie wir wollen. Es ist also nicht wirklich ein Tanz, sondern es geht viel mehr um Körperbewegungen und darum, sich selbst auszudrücken“, wie Wanecque mir im Interview für filmstarts.de verraten hat. Gedreht wurde die Szene dann über einen Zeitraum von drei Tagen, wobei vieles davon gar nicht im finalen Film gelandet ist.

Gilles Lellouche ist es zudem gelungen, die einzelnen Epochen perfekt einzufangen, ohne dabei ständig irgendwelche Gimmicks aus der Zeit in die Kamera zu halten. Allein durch das Setting und einen sensationellen Soundtrack gelingt es ihm, die Zuschauer auf eine Art Zeitreise zu schicken. „Eyes Without a Face“ von Billy Idol, „Nothing Compares 2 U“ von Prince, oder „Urgent“ von Foreigner sind nur einige wenige Beispiele. Soundtrack, Kamera, Schnitt, Geschichte, Darsteller und die starke Figurenzeichnung bilden hier eine nahezu perfekte Symbiose. Man merkt dem Film deutlich an, dass Gilles Lellouche alles daran gesetzt hat, aus jeder einzelnen Szene das Maximum herauszuholen. Das gelingt ihm auch, in dem er unterschiedliche Genres wie Jugenddrama, Romanze, Action und Tanz kongenial miteinander verbindet. Auch durch die immer wieder eingefügten und bewusst extrem inszenierten surrealen Tagträume der Figuren, die deren Handlungen kommentieren, setzt Lellouche ein eindrucksvolles Zeichen.

BEATING HEARTS hat in Frankreich gleich mehrere Trends in den sozialen Medien ausgelöst. Auf TikTok gibt es mehr als 5.000 Videos, in den gefragt wird, ob man für „die eine große Liebe“ nicht viel mehr riskieren sollte. In anderen Videos wurde junge Paare gefragt, ob sie „den Film gesehen haben und alles in Ordnung sei“. Auch Wanecque berichtete, dass viele junge Mädchen sie über Instagram angeschrieben haben und ihr erzählt haben, dass der Film sie total aufgewühlt hätte, dass sie noch mal mit ihrem Ex-Freund über bestimmte Dinge geredet haben oder gar ihren Freund verlassen haben. Wenn ein Film so etwas auslösen kann, ist das vermutlich das größte Kompliment für den Regisseur und seine Darsteller:innen.

Es tauchen auch immer mehr Fotos auf, auf denen sich junge Menschen Zitate aus dem Film wie „Entweder einen wie Clotaire oder keinen“ oder „Gut (allein) ist nicht gut genug) auf die Haut tätowiert haben. Gilles Lellouche scheint mit BEATING HEARTS also tatsächlich einen Nerv getroffen zu haben.

Kein Wunder, denn an BEATING HEARTS gibt es tatsächlich überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Solch einen eindrucksvollen Film, der dem Begriff „Epos“ alle Ehre macht, hat man auf der Leinwand schon lange nicht mehr gesehen. Bleibt zu hoffen, dass der Film auch in Deutschland sein Publikum finden wird.

BEATING HEARTS hält nicht nur, was das Filmplakat verspricht, der Film übertrifft sich selbst in seiner Konsequenz: Eine große, ultimative Liebe vom Schulhof-Flirt bis hin zum gnadenlosen Bandenkrieg. Gilles Lellouche lässt tatsächlich nichts aus und sorgt damit dafür, dass man dem Film zu keinem Zeitpunkt die Laufzeit von 161 Minuten anmerkt. Was für ein Brett von einem Film.

Interview

Für filmstarts.de durfte ich die Schauspielerin Mallory Wanecque ausführlich per Zoom zum Interview treffen. Wir sprachen darüber, wie sie vor ihrer Schule für ihre erste Rolle entdeckt wurde, wie sie sich auf BEATING HEARTS vorbereitet hat und wie sie die ganzen TikTok-Trends zum Film wahrgenommen hat.

Trailer

ab16

Originaltitel

L' Amour Ouf (Frankreich 2024)

Länge

161 Minuten

Genre

Drama / Romanze / Thriller

Regie

Gilles Lellouche

Drehbuch

Gilles Lellouche, Audrey Diwan, Ahmed Hamidi, nach dem Roman von Neville Thompson

Kamera / Bildgestaltung

Laurent Tangy (A.F.C)

Darsteller

Adèle Exarchopoulos, François Civil, Mallory Wanecque, Malik Frikah, Alain Chabat, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Jean-Pascal Zadi, Elodie Bouchez, Karim Leklou, Raphaël Quenard, Anthony Bajon

Verleih

Studiocanal GmbH

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