Das Doku-Drama ASTRID LINDGREN: DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN zeigt uns eindrucksvoll, welch humanistische Texte die schwedische Schriftstellerin während des Zweiten Weltkriegs in ihren Tagebüchern festgehalten hat.
Die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren wurde vor allem durch ihre Kinderbücher „Pippi Langstrumpf“, „Michel aus Lönneberga“ oder „Ronja Räubertochter“ berühmt. Doch was viele nicht wussten: Lange bevor sie diese Figuren auf Papier bannte, schrieb sie während des Zweiten Weltkriegs Tagebücher. Nach Lindgrens Tod fand die Familie diese Tagebücher und entschied sich zuerst, diese ausschließlich für die Lindgren-Familie zugänglich zu machen, um den Familienmitgliedern zu zeigen, wer Astrid Lindgren eigentlich war. Schnell kam man jedoch zu dem Entschluss, dass diese emphatischen Aufzeichnungen von der ganzen Welt gesehen werden müssen. 2015 wurden diese dann auf schwedisch und deutsch veröffentlicht.
Irgendwann kam dann der Kieler Germanist, Scandinavist und Regisseur Wilfried Hauke ins Spiel, der aus den Texten einen Film machen sollte. Einzige Bedingung der Lindgren-Familie: Es sprechen nur die Tagebücher. Das bedeutet, dass keine weiteren Dialoge hinzugefügt werden dürfen. Jetzt fragt sich vermutlich jeder, wie man dann daraus eine Dokumentation machen kann. Nun ja, Wilfried Hauke hatte da eine Idee. Er suchte Schauspieler*innen, die die Figuren der Tagebücher einzelnen Szenen darstellen. Den Rest unterlegt er mit Kriegsbildern aus Stockholm.
Mit Sofia Pekkari fand er zudem eine Schauspielerin für die Rolle der Astrid, der man nicht noch irgendwelche Prothesen aufsetzen musste, damit sie ihrer Figur ähnlich sieht. Nein, Pekkari gelingt es allein durch ihre Schauspielkunst, dass wir sie als Astrid Lindgren zu keinem Zeitpunkt in Frage stellen – auch wenn sie ihr nicht hundertprozentig ähnelt..
Doch damit nicht genug, zusätzlich brachte Hauke die Idee ins Spiel, in Gesprächen die Tochter von Astrid Lindgren, Karin Nyman, erzählen zu lassen, wie sie die Zeit damals erlebt hatte. Die Lindgren-Familie ergänzte daraufhin, doch auch gleich noch Astrids Enkeltochter Annika Lindgren und ihren Urenkel Johan Palmberg mit einzubeziehen. So erzählt ASTRID LINDGREN: DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN nicht nur aus den Tagebüchern, sondern zeigt auch, was diese in den Nachfahren auslösen.
Auch wir Zuschauer entdecken durch den Film eine neue Seite der schwedischen Autorin. Wie einfühlsam und humanistisch sie während des Krieges die Lage der Welt erfasst hat, ist wahrlich beeindruckend und tatsächlich zeitlos. Wenn sie an einer Stelle schreibt „Warum bringt eigentlich niemand diesen Hitler um“, dann zeigt das eine ungezähmte, vollkommen andere Seite der Schriftstellerin. Und wenn man in der heutigen Zeit an Putin und Trump denkt, dann dürften einige von uns vermutlich ähnlich denken, so Wilfried Hauke zu mir im Interview (s.u.).
Mit ASTRID LINDGREN: DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN ist Wilfried Hauke ein beeindruckender Film gelungen, der noch lange nachhallt, wenn der Vorhang längst gefallen ist.
Im Rahmen der Nordischen Filmtage in Lübeck feierte das Doku-Drama ASTRID LINDGREN: DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN seine Weltpremiere. Ich habe die Gelegenheit genutzt und mich mit dem Drehbuchautor und Regisseur Wilfried Hauke über seinen eindrucksvollen Film unterhalten. Wir sprachen über die Umsetzung der Tagebücher, die Bedingungen der Lindgren-Familie für eine filmische Umsetzung und ob es ohne den Zweiten Weltkrieg und eine Knöchelverletzung Lindgrens die Figuren wie Pippi Langstrumpf“, „Michel aus Lönneberga“ oder „Ronja Räubertochter“ gegeben hätte.
Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren (Schweden / Deutschland 2025)
103 Minuten
Dokumentation / Drama
Wilfried Hauke
Wilfried Hauke
Doku: Caroline Troedsson, Clas Elofsson, Drama: Sabine Panossian
Drama: Sofia Pekkari, Tom Sommerlatte, Edda Braune, Ida Malene Schütte, Lennard Leiste, Doku: Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg
Farbfilm Verleih GmbH