Brezel Göring gründete 1993 zusammen mit Françoise Cactus die Berliner Musikgruppe Stereo Total, deren Markenzeichen der Underground-Chanson-Punk und vor allem der betont starke französische Akzent der Sängerin waren. Cactus starb am 17. Februar 2021 und hinterließ einen unvollendeten Roman, den Göring posthum veröffentlichte – und dem er, der lange Zeit mit Cactus auch privat liiert war, nun als Regisseur und Drehbuchautor mit FÜR IMMER 16 auch ein filmisches Denkmal setzt. Natürlich mit Stereo Total auf der Tonspur.
Der Super-8-Trash FÜR IMMER 16 beruht auf einem Roman von Françoise Cactus. Sie hat sich vorgestellt, wie es wäre, alt zu sein und die Kumpels von früher wiederzusehen: also Science-Fiction, bezogen auf die Individualpsychologie. Sie machen da weiter, wo sie aufgehört haben: Sie drehen einen Film und zanken sich! Neben den Rivalitäten und Streitereien stellen sich auch grundsätzliche Fragen: Wie altern Subversion, schwarzer Humor, Antimoral, Genderidentitäten, Feminismus, jugendliche Fundamentalopposition? Und wie kann man verhindern, dass Subversion Teil des Mainstreams und der Verwertungskultur wird?
Die drei Hauptpersonen stehen dabei für unterschiedliche Formen des Scheiterns: Charlotte kommerzialisiert sich, Helena verbittert über ihre Erfolglosigkeit und Oskar gibt resigniert die Kunst auf. Die fiktive Kunstgruppe, um die es geht, drehte Super-8-Filme. Dieses preiswerte Format, ursprünglich für den Heimgebrauch und Urlaubsfilme entwickelt, wurde zum Symbol kultureller Dissidenz und zur Ästhetik des antikommerziellen Widerstands jenes Zeitalters, in dem dieses dilettantisch-geniale Trio aktiv war.
Sicherlich ist die literarische Vorlage (2024 im Rahmen der Textsammlung „Oh Oh Mythomanie“ im Ventil Verlag erschienen) autobiografisch geprägt. Die Sammlung enthält den zuvor unveröffentlichten Roman „Lebenslänglich vierzehn“. Charlotte (Lilith Stangenberg) ist nun eine erfolgreiche Schauspielerin und kann es sich leisten, ihre ehemaligen Freundinnen Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) in den Urlaub einzuladen. Sie beschließen, dort einen Kriminalfilm zu drehen, und treffen auf Rudolph (Twiggy Glouglou), mit dem sie allesamt sexuelle Abenteuer erleben – und der von Demenzia (Lilith Stangenberg), einer männermordenden Serienkillerin, im Film-im-Film unzählige Male zur Strecke gebracht wird. Außerdem darf Rudolph am schlichten Drehbuch mitschreiben. Doch dann ist er plötzlich wirklich tot! Was nun?
Brezel Göring inszeniert FÜR IMMER 16 als schrägen Experimentalfilm mit Freund:innen: Lilith Stangenberg und Chang Wang spielen auch in seiner neuen Band Psychoanalyse, die anlässlich der Hamburger Premiere im Abaton eine überzeugende Konzertperformance abgeliefert hat. Brezel (der bürgerlich übrigens Hartmut Richard Friedrich Ziegler heißt) ist gerade auf Kinotour, das solltet ihr euch nicht entgehen lassen! Produzent Stephan Holl hat das Projekt übrigens als Experimentalfilm bei der Film- und Medienstiftung NRW erfolgreich eingereicht. Und als langjähriger Freund von Brezel dann auch die Super-8-Kamera in die Hand genommen: Holl hat überwiegend auf den Knien gefilmt, und seine eingeschränkte Sehschärfe als ästhetisches Prinzip auf den Film übertragen. Das macht aber gerade den Charme aus. Auch dass Super 8 keine Tonspur hat, trägt dazu bei. Es wurden tatsächlich bei den Proben aufgezeichneten Texte verwendet, die natürlich überwiegend nicht synchron sind.
Das Leben der Protagonist:innen zeichnet sich durch den rauen, grobkörnigen Charme, die traumgleiche Unschärfe und die Indifferenz des Amateurformats aus. Die Umwertung der Werte findet auch an der Peripherie statt. Das Drehverhältnis von 1:1 haben wir fast immer eingehalten. Das heißt, alles, was wir gedreht haben, ist auch im Film zu sehen. Die Entwicklung des Filmmaterials ist ein komplizierter chemischer Prozess, der wahrscheinlich sehr schädlich für die Umwelt ist. Die Zuschauer:innen werden jedes Mal, wenn sie technische Fehler oder Missgeschicke im Film entdecken, daran erinnert, dass wir sparsam mit dem Material umgegangen sind, und sie werden sich darüber freuen, dass wir die Welt nicht unnötig verpestet haben.
Brezel Göring zum Dreh auf Super 8
Vor allem, wie Lilith Stangenberg als Alter Ego von Françoise Cactus stets mit einer Fluppe in der Hand in FÜR IMMER 16 durch die Szenerie stapft, ist einfach köstlich. Als die renommierte Theater- und Filmschauspielerin, die auch Teil seiner Band Psychoanalyse ist, von Brezel das Drehbuch bekam, antwortete sie per Brief wie folgt:
… ich liebe das infernalische Trio. Die Figur der Charlotte ist sehr schön, weil sie die Tragik besitzt. Jeder Dialog ist sehr sprechenswert und gut. Ich finde, die Bilder müssen zwischendurch mäandern und psychopoetisch glühen, wie ein Requiem für einen Vulkan. Dann die Texte wie Radio drüber. Mein Lieblingssatz ist: Der Mord hat dir gutgetan! Das Drehbuch ist wunderschön und ich wollte gar nicht, dass es aufhört… Mit dem Film im Film ist es ja wie im Leben selbst: Life Imitates Art und umgekehrt. Ich glaube, Chabrol ist ein guter Ratgeber für die sinnliche Gewalt und Stimmung.
Und Brezel Göring, der mit FÜR IMMER 16 sein Spielfilmdebüt abliefert, ergänzt:
Ich habe neulich eine interessante Untersuchung gelesen: was bringt Menschen dazu, am schnellsten den Fernsehkanal zu wechseln? Untertitel, Schwarz-Weiß, klassische Musikinstrumente! Mein Ziel war es, einen amüsanten, süchtig machenden Spielfilm zu drehen, der die technischen Standards unserer Zeit unterschreitet und der außerdem alles umarmt, was als Kassengift gilt. Sogar auf den Einsatz von Geigen habe ich nicht verzichtet.
Ganz ehrlich: Das ist ihm gelungen! Brezel kann nicht nur Hörspiele, Theaterstücke und Musikvideos. Er kann auch Film! Und wir wollen mehr davon, denn Göring hat eine unverkennbare Handschrift.
Weiterführend sei noch der Dokumentarfilm „Wir werden immer weitergehen“ (2012) von George Lindt und Ingolf Rech empfohlen, der unter anderem die Geschichte der Band Stereo Total nacherzählt, die durch Live-Mitschnitte und Privataufnahmen ergänzt wird. Außerdem erschien 2022 Stereo Total’s „Party Anticonformiste. 10 Songcomics“ (hrsg. von Gunther Buskies und Jonas Engelmann) mit „Lieblingssongs aus über 25 Jahren Bandgeschichte“.
Für immer 16 (Deutschland 2026)
73 Minuten
Drama
Brezel Göring
Brezel Göring
Stephan Holl
Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Twiggy Glouglou, Anton Garber
Rapid Eye Movies HE GmbH