Der Film der Woche

Vaterland

03.09.2026

Nicht erst seit seinem Meisterwerk „Ida“ (2013) ist der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski bekannt für seine kargen, kurzen Filme in Schwarzweiß. In VATERLAND hat er sich jetzt eines sehr deutschen Themas angenommen: der Rolle von Thomas Mann im US-amerikanischen Exil und im Nachkriegsdeutschland.

In VATERLAND ist fast alles auf das Wesentliche reduziert: Der Film ist nur 82 Minuten lang, in Schwarzweiß und im spröden, nur scheinbar veralteten 4:3-Format gedreht. Denn dieses Format wird heutzutage gerne für künstlerisch anspruchsvolle Filme eingesetzt. Hier dreht sich alles um das ernste und (in literarischen Kreisen) zeitlose Thema „Thomas Mann und die Deutschen“ – mit zwei großartigen Schauspieler:innen im Mittelpunkt: Hanns Zischler und Sandra Hüller. Das Ganze hat Paweł Pawlikowski mit leiser Melancholie und herrlich ironisch inszeniert.

Im Sommer 1949 reist Nobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) von seiner Villa in Los Angeles nach Deutschland, um in Frankfurt am Main den Goethe-Preis in Empfang zu nehmen. Begleitet wird er von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller). Ohne es zuzugeben, machen sich beide Sorgen um ihren Sohn und Bruder Klaus Mann (August Diehl), der an der Côte d’Azur lebt. Gleich zu Beginn des Films sehen wir ihn vor seinem Bett sitzen, während er in einer Tirade seinen Hass auf die Welt herausschreit, während im Hintergrund sein Lover schweigend das Zimmer verlässt.

Thomas und Erika werden nicht unbedingt mit offenen Armen begrüßt – viele nehmen Thomas Mann sein US-Exil immer noch übel. Nachts muss sich Erika unter ihrem Hotelzimmer Nazi-Parolen von besoffenen Deutschen anhören. Sie ist außerdem immer noch sauer, dass die Festrede ihres Vaters total unpolitisch und belanglos ausfiel. Immerhin hatte Thomas bei dem Empfang nach der Rede die Richard-Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang (Enno und Theo Trebs) eiskalt abserviert, als sie ihn baten, sich für die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele einzusetzen. Seine sarkastische Antwort: „Ich bin ja leider nur der zweitgrößte Wagner-Fan – der größte (Mann meint Adolf Hitler) ist ja inzwischen nicht mehr unter uns. Kümmern Sie sich lieber darum, dass Ihre Mutter (Winifred) in den Knast kommt.“

Bei der Party hatte Erika an der Bar ausgerechnet ihren Ex-Mann Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) getroffen – und dem Nazi-Anhänger vor aller Augen eine schallende Ohrfeige verpasst. Am nächsten Morgen kutschiert Erika ihren Vater in einem protzigen, schwarzen Buick quer durch das immer noch zerstörte Deutschland nach Weimar, wo Thomas Mann ebenfalls einen Goethe-Preis entgegennehmen soll. An der Grenze der Besatzungszonen werden sie persönlich von Johannes R. Becher (Devid Striesow), dem Präsidenten des ostdeutschen Kulturbundes, unterwürfig in Empfang genommen. In Weimar begrüßt sie der joviale sowjetische General Sergei Tjulpanow (Daniel Wagner), der mit seinen Goethe-Kenntnissen prahlt. Und er präsentiert einen Kinderchor, der feierlich eine neue, von Becher getextete Hymne singt: „Auferstanden aus Ruinen“. (Wenige Monate später wird sie die Nationalhymne der DDR.)

Nachts stürmt ein Mann (Milan Peschel) in Thomas Manns Hotelzimmer und berichtet von politischen Gefangenen im ehemaligen KZ Buchenwald. Kurz darauf wird er brutal von der Stasi abgeführt. Doch auch Manns Weimarer Rede fällt genauso unpolitisch wie die Frankfurter aus. Dann erreicht Erika ein schrecklicher Telefonanruf: Klaus hat in Frankreich Selbstmord begangen. Auf der Heimfahrt müssen Vater und Tochter, die sich längst entfremdet haben, jeder für sich mit der Trauer umgehen. Doch bei einer Pause in einer zerstörten Kirche deutet sich eine Versöhnung an: Erika und Thomas beobachten einen Mann, der versucht, die kaputte Orgel zu restaurieren. Als er sieht, dass er Gäste hat, setzt er sich an die Orgel und spielt den weltberühmten Bach-Choral „Jesus bleibet meine Freude“. Für mich die schönste Szene des Films.

Eines der Bücher von Thomas Mann trägt den Titel „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Und genau diesen Unpolitischen zeigen Regisseur Paweł Pawlikowski und sein Co-Drehbuchautor Hendrik Handloegten: einen alten, verbitterten, eitlen und arroganten Menschen, der sich in seinem Ruhm suhlt, aber keinen Zugang zu seinen Kindern findet. Hanns Zischler spielt diesen monströsen Unsympathen mit zurückhaltender Noblesse. Mit all ihrer Schauspielkunst setzt Sandra Hüller Erikas Trotz und Wut dagegen.

VATERLAND ist ein cineastisches Kammerspiel der Extraklasse! Und gleichzeitig ein filmischer Blick auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Es sind die Monate vor der Gründung zweier Staaten: BRD und DDR.

P. S.: Fairerweise muss man sagen: Paweł Pawlikowski und Hendrik Handloegten haben sich bei den zeitlichen Abläufen einige Freiheiten erlaubt.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
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Originaltitel

Vaterland (Polen / Deutschland / Italien / Frankreich 2026)

Länge

82 Minuten

Genre

Drama

Regie

Paweł Pawlikowski

Drehbuch

Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten

Kamera / Bildgestaltung

Łukasz Żal

Darsteller

Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel, Enno Trebs, Theo Trebs, Anna Madeley, David Menkin, Waldemar Kobus, Daniel Wagner, Joanna Kulig

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

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