SPAZIERGANG NACH SYRAKUS erzählt von einem Mann, der nicht aus seiner Heimat fliehen, sondern sich nur für einen Moment von ihren Grenzen befreien möchte. Lars Jessens leiser, warmherziger Film verbindet dabei eine ungewöhnliche DDR-Fluchtgeschichte mit einer sehr persönlichen Suche nach Freiheit, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung.
Einmal nach Syrakus reisen und auf den Spuren des Dichters Johann Gottfried Seume wandeln – davon träumt Paul Gompitz (Charlie Hübner). Problem: Wir schreiben das Jahr 1982, und Paul lebt in der DDR. Einfach mal kurz ausreisen ist da absolut nicht drin. Auch wenn Paul hoch und heilig verspricht, nach der Wanderung wieder zurückzukehren. Das kann sich in den ostdeutschen Behörden natürlich absolut niemand vorstellen. Und so scheitern all seine Versuche, auf legalem Weg die DDR zu verlassen, selbst die Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft oder eine Studienreise sind keine Gründe, die eine offizielle Genehmigung rechtfertigen würden. Also muss Paul seine Flucht planen. Aber wird es ihm dann gelingen, am Ende zurück nach Rostock zu kommen? Und was wird seine Frau Anne (Lina Beckmann) zu den Plänen sagen? Paul entwickelt einen verwegenen Plan…
Filme über Menschen, die aus der damaligen DDR geflohen sind, gibt es zuhauf – manche klein und still, andere abenteuerlich und gefährlich. SPAZIERGANG NACH SYRAKUS hingegen wirft einen gänzlich anderen Blick auf diese Menschen. Denn der von Charlie Hübner gespielte Paul möchte gar nicht vor seiner Heimat fliehen, sondern lediglich vor deren engen Grenzen. Dass er fest entschlossen ist, nach seiner Reise nach Rostock zurückzukehren, klingt im ersten Moment erst einmal absurd. Doch je mehr wir diese durchaus eigenartige (im positiven Sinne!) Figur kennenlernen, desto mehr können wir ihre Beweggründe nachvollziehen.
In SPAZIERGANG NACH SYRAKUS arbeiten Charlie Hübner und Regisseur Lars Jessen erneut zusammen, und als Zuschauer erkennt man sofort, warum Jessen immer wieder auf den Charakterdarsteller setzt. Hübner gelingt es nämlich auf ganz wundersame Weise, seiner Figur eine tiefgründige Menschlichkeit zu verleihen, die den Film emotional trägt. Man fühlt mit ihm, auch wenn man einige seiner Handlungen nicht zwingend nachvollziehen kann. Besonders im Spiel mit seiner echten Ehefrau Lina Beckmann erfährt die Geschichte etwas wirklich Wahrhaftes.
Lars Jessen hat schon immer seine ganz eigene Herangehensweise, Filme zu drehen, die ich besonders schätze. Kein ultragroßes Drama, keine Mega-Plot-Twists, die einem die ganze Handlung um die Ohren schmeißen – stattdessen eine geerdete Handlung, die den Blick komplett auf seine Figuren lenkt und ihnen bedingungslos folgt, ohne sie jemals für einen guten Gag zu verraten. Diese sensible Herangehensweise macht auch SPAZIERGANG NACH SYRAKUS zu einer ganz besonderen Perle.
Hier erlaubt sich Jessen zudem noch einen weiteren, äußerst interessanten Kniff. Ein ganzes Stück vor dem Abspann verrät uns der Regisseur bereits den Ausgang der Geschichte, macht das aber so geschickt, dass wir es gar nicht so recht wahrhaben wollen – entweder weil wir automatisch denken, dass der Film dann wohl jetzt gleich zu Ende sein wird, oder weil wir genau diese kleine Szene in einem Café zeitlich noch gar nicht so recht einordnen können. Bravo!
SPAZIERGANG NACH SYRAKUS basiert im Übrigen auf den Motiven der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius, der wiederum auf der realen Flucht von Klaus Müller beruht. Und Lars Jessen stellt im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zugehörigkeit die Frage, wie weit man gehen kann, ohne den anderen Menschen zu verlieren.
Sicherlich könnte man hier und dort noch Kritik äußern: Ist die erste Hälfte, in der Paul akribisch die Flucht plant, vielleicht etwas zu lang? Keinesfalls, würde ich behaupten, denn dadurch erfahren wir von all den kleinen Dingen, die Paul am politischen System seines Landes verabscheut, aber auch von allem anderen, was er an seiner Heimat so liebt.
Und die Tatsache, dass sich der Teil, in dem Paul dann letztendlich auf seiner Reise ist, ein wenig von Postkartenmotiv zu Postkartenmotiv hangelt, zeigt doch nur, dass er in seiner Reise vollends aufgeht und alles, was zu Hause ist und war, verdrängt. Aus genau diesem Grund sehen wir auch seine Frau nicht mehr, schließlich wird der Film aus Pauls Perspektive erzählt.
Spaziergang nach Syrakus (Deutschland 2026)
97 Minuten
Drama
Lars Jessen
Heide Kersten & Andreas R. Kersten, nach Motiven der Erzählung "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" von Friedrich Christian Delius
Kristian Leschner
Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara, Jens Münchow, Tom Jahn, Max Tuveri, Christian Näthe, Mélanie Fouché, Anna Unterberger, Moritz Vierboom, Dagmar Sachse, Björn Jung
Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG