Es gibt Filme, die wegen ihrer visuellen Innovationen und ihrer formalen Komplexität eine ganze Epoche prägten – denken wir nur an Welles’ „Citizen Kane“, Antonionis „L’Avventura“, Kubricks „2001“ oder Lynchs „Blue Velvet“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in ein paar Jahren im Rückblick auch EVERYTIME in diese Kategorie eingeordnet wird. Der Film der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner ist ein cineastisches Wunder!
Einer der Höhepunkte des vergangenen Jahres hieß „In die Sonne schauen“. Das tut dieser Film auch – nur ist sie diesmal quadratisch. EVERYTIME gewann in Cannes den Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“. Die Reaktionen des Publikums reichten von totaler Begeisterung bis zur kompletten Schockstarre. Wer diesen Film gesehen hat, wird ihn so schnell nicht vergessen!
Auf den ersten Blick ist EVERYTIME eine kleine Berliner Sommergeschichte mit einem Abstecher nach Teneriffa. Doch im Drehbuch von Regisseurin Sandra Wollner geht es um viel mehr – philosophisch formuliert um die „Dinge des Lebens“: um Leben und Tod, Trauer und Glück, Technologie und Natur, die Kunst des Erzählens und letztendlich auch um Wiedergeburt – ohne dabei auf eine religiöse Symbolebene zu wechseln.
Das klingt alles reichlich verkopft – doch der Film ist mit seinem melancholischen Unterton reinste Poesie. EVERYTIME ist sinnliche Kunst im Schwebezustand – mit einer überragenden Birgit Minichmayr in der Hauptrolle.
Gnadenlos brennt die Sonne auf den Berliner Asphalt: In dieser Gluthitze schleppt sich eine Kleinfamilie schwer bepackt vom Bahnhof in ihre viel zu enge Hochhauswohnung: die Alleinerziehende Ella (Birgit Minichmayr) und ihre Töchter Jessie (Carla Hüttermann) und Melli (Lotte Shirin Keiling), die sich trotz des Altersunterschieds von rund zehn Jahren ein Zimmer teilen müssen. Auf dem Heimweg streiten sie sich mal wieder darüber, wer die größere Hälfte abbekommen darf. (Dieser Dialog wird gegen Ende des Films auf überraschende Weise noch einmal aufgegriffen.)
Nach einem Clubbesuch wandern Jessie und ihr Freund Lux (Tristán López) durch den nächtlichen Wald nach Hause und wollen im Drogenrausch auf dem Dach eines Hochhauses weiterfeiern. Jessie will mit ihrem Handy unbedingt den Sonnenaufgang fotografieren. Wir Kinozuschauer möchten am liebsten aufschreien: Seid ihr des Wahnsinns!
Schnitt. Ein Jahr später. Der Besuch an einem Grab ist für Ella und Melli fast schon zur Routine geworden. Erst allmählich dämmert es uns, an wessen Grab die beiden mit versteinerter Miene stehen. Immerhin: Melli hat jetzt das Zimmer ganz für sich allein!
Als Ella zufällig Lux über den Weg läuft, der längst eine neue Freundin hat, lädt sie ihn spontan ein, mit ihr und Melli Urlaub auf Teneriffa zu machen. Und so sitzen die drei mit ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen in ihren Liegestühlen und spielen Touristen. Das kann nicht funktionieren!
Kameramann Gregory Oke („Aftersun“) findet für diese Scheinidylle Bilder von verstörender Schönheit: Er kontrastiert die wilde Brandung und die raue Bergwelt der Insel mit dem roten Lavagestein und der inneren Leere der Berliner Gesichter. Und immer wieder fährt er mit seiner Kamera in die künstliche Welt von Mellis Lieblings-Computerspiel „Minecraft“, einer Gegenwelt aus Würfeln, die Melli immer wieder neu kombiniert.
Im Hotelflur stoßen die Berliner auf ein kleines Mädchen, das traumverloren vor sich hinspielt. Eltern scheint es keine zu haben, und auch an der Hotelrezeption fühlt sich niemand zuständig. So nimmt Ella die Kleine unter ihre Fittiche, und Melli macht mit ihr Ausflüge in die Klippen. Plötzlich sind beide Mädchen verschwunden, und die Polizei startet eine Suchaktion…
Für das magische Ende finden Sandra Wollner und Gregory Oke atemberaubende Bilder, die nicht mehr von dieser Welt sind. In „L‘Eclisse“ (1962) zeigt Michelangelo Antonioni eine Sonnenfinsternis in einem menschenleeren Rom, in EVERYTIME ist es eine Sonne, die nicht untergehen will – als Hoffnungsschimmer für drei verlorene Seelen.
Mit EVERYTIME hat Sandra Wollner Filmgeschichte geschrieben!
Everytime (Österreich / Deutschland 2026)
124 Minuten
Drama
Sandra Wollner
Sandra Wollner
Gregory Oke
Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, Carla Hüttermann, Naomi Elia Richard
eksystent Filmverleih Kijas